Vor katholischer Verfolgung fliehende pietistische Gruppen seien im 16. und 17. Jahrhundert in einer «Odyssee» Richtung Norden gezogen, schreibt Seebach im dritten Teil einer volkskundlichen Trilogie über den Einfluss der Schweizer Reformation auf ganz Europa. Das mehr als 300-seitige Buch soll bis Mitte April erscheinen.
Kulturtransfer von Süden nach Norden
In Wanderungsbewegungen seien die alpinen Religionsflüchtlinge über Holland, Norddeutschland, Dänemark bis nach Südschweden und Südnorwegen gezogen, aber auch in südwestlicher Richtung in die Pyrenäen, schreibt Seebach. Aufgrund ihrer «überlegenen Kultur in allen Bereichen des menschlichen Lebens und Wirtschaftens» hätten sie «in ihren jeweiligen Zielländern eine neue Gesellschaft nach ihrem Glauben und nach ihren in der Alpenheimat bewährten kulturellen Mustern» geformt.
Als Nachweis für seine These von einem europäischen Kulturtransfer von Süden nach Norden führt Seebach ähnliche Traditionen in Handwerk, Landwirtschaft, Religion, Sprache und Esskultur in den jeweiligen Ländern an. Die fleissigen und tüchtigen Protestanten aus der Innerschweiz hätten unter anderem ihre Baupläne für Häuser und Speichergebäude mitgebracht und diese mit Übel abwehrenden magischen Zeichen und Wächterfiguren versehen. Frühe Ausdrucksformen der gesamteuropäischen Kulturströmung seien Fels- und Holzritzzeichungen in den Alpen und in Skandinavien.
Gemeinsame Volkskunst mit «protestantischem Grundton»
Auch in der Kleidermode Europas werde protestantisches Denken nach 1600 sichtbar: Der Glaubenskodex, nachdem nur eine einfache Kleidung eine gottgefällige sei, hat laut Seebach die Frauen- und Männertrachten bestimmt. Reformierte Schweizer seien schliesslich über die Pfalz auch nach Übersee ausgewandert: Irland und Pennsylvania in den USA seien zu protestantischen «Musterländern» durch die Einführung neuer landwirtschaftlicher Kulturen, Geräte und Methoden geworden.
Der Dreissigjährige Krieg (1618-1648) habe den Kulturtransfer zwischenzeitlich unterbrochen, der sich ab 1650 umso stärker neu entfaltet habe. Bis heute gebe es Spuren einer mit einem «protestantischen Grundton» unterlegten gemeinsamen Volkskunst in Mitteleuropa, Skandinavien und in Pennsylvania, bilanziert Seebach. (epd)