«In 25 Jahren habe ich es noch nie erlebt, dass so viele Hilfsangebote kommen», sagte Urs Weber, Leiter der Asylabteilung im St. Galler Amt für Migration, den Medien bei der Besichtigung eines provisorischen Aufnahmezentrums in der Stadt St. Gallen.
Leute aus dem Quartier hätten sich gemeldet und gefragt, was benötigt werde. So habe jemand auf Facebook eine Kleidersammlung organisiert und eine pensionierte Lehrerin habe sich für Deutschstunden angeboten.
Vor allem für den Winter sind Kleider weiterhin gefragt. In den sozialen Netzwerken sammeln immer mehr Private Hilfsgüter. Sie sind für die Empfangszentren in der Schweiz wie in St. Gallen bestimmt, aber auch für jene Menschen, welche auf der Flucht bei Wien oder Budapest festsitzen und auf ihre Weiterreise warten.
Viele Leuten wollen auch selber helfen. Um Auskunft über die Hilfsmöglichkeiten zu geben, wurde am 31. August in Zürich extra eine Facebook-Gruppe gegründet. In vier Tagen vereinte diese Gruppe «Helfen statt nur betroffen sein» schon 600 Mitglieder.
Kundgebung für Flüchtlinge
Die Solidarität zeigt sich auch auf der Strasse. Am Dienstagabend taten in Bern ungefähr 300 Personen den Flüchtlingen ihre Unterstützung kund. Gemäss den Fotos des Demonstrationszuges hielten sie Schilder wie «Refugees welcome» in die Höhe. Eine weitere Kundgebung ist für Samstag in Zürich geplant.
Viele Hilfsorganisationen haben nicht die vergangenen Wochen abgewartet, um die Bevölkerung zum handeln aufzurufen. So lancierte die Schweizerische Flüchtlingshilfe Anfang 2014 ein Projekt, bei dem Privatpersonen Asylbewerber bei sich aufnehmen können.
Bisher wurden so rund 20 Flüchtlinge untergebracht. In den vergangenen drei bis vier Wochen sei die Zahl die Angebote aber «dramatisch gestiegen», sagte Stefan Frey, Medienverantwortlicher der Flüchtlingshilfe, der Nachrichtenagentur sda.
Flüchtlingshilfe am Anschlag
Von Privatpersonen gehen seither täglich zwischen 6 und 15 Angebote ein – so viel dass die Flüchtlingshilfe nicht mehr nachkommt, allen zu antworten. «Man spürt dass die Leute sich engagieren wollen, sie bieten sogar ihre Couch an», sagte Frey.
Er betonte jedoch, dass das Projekt der Flüchtlingshilfe langfristig ausgelegt und nicht eine Antwort auf Notsituationen sei. Man könne sich auch anderweitig einbringen, um den Migranten zu helfen.
So unterstützte die Bevölkerung der bernischen Gemeinde Riggisberg Flüchtlinge bei der Eröffnung eines Durchgangszentrums im Juli 2014. Über 50 Freiwillige organisierten ein Willkommens-Café, einen Kleiderladen oder sogar einen Taxidienst.
Mit Migranten am Esstisch
In Zürich lancierte das Solinetz vor einem Jahr das Projekt «Gemeinsam Znacht». Dabei können Privatpersonen an ihrem Esstisch Flüchtlings-Familien oder auch Einzelpersonen empfangen.
In den zwei vergangenen Wochen erhielt die Organisation dreimal so viele Angebote wie seit der Lancierung des Projekts, sagte Martina Schmitz von Solinetz. Auch dort können nicht alle Angebote berücksichtigt werden.
Die Begegnungen erfordern viel Vorbereitungsarbeit, Solinetz trifft zuerst alle Interessenten persönlich, um den richtigen Gastgeber für den jeweiligen Gast zu finden.
Viele wollen Syrern helfen
Übrigens wollen besonders viele Leute den Flüchtlingen aus Syrien helfen. Es gebe in der Schweiz bisher jedoch nicht viele Syrer und die Welle an Migranten, welche derzeit durch Europa rolle, komme nicht in der Schweiz an, wie Martina Schmitz festhielt.
Zudem benötigten die wenigen, die dennoch in der Schweiz ankommen, Notbetreuung, um das Trauma ihrer Flucht zu verarbeiten. Diesen Personen könne man am besten helfen, indem man Geld spende, sagte Schmitz. Erst später könnten diese Leute ins «Gemeinsam Znacht» aufgenommen werden, welches vor allem der Integration diene.
Die Glückskette lancierte diese Woche einen Spendenaufruf für die Flüchtlinge auf dem Weg nach Europa. Auch dort zeigen sich die Schweizerinnen und Schweizer solidarisch – bis am Freitag gingen bereits Versprechen für Spenden von über 1,8 Millionen Franken ein. (sda)