Reformierte SH: «Woher nimmst du die Energie?»

«Wie findest du den Ausgleich zum steigenden Leistungsdruck?» Mit dieser Frage wendet sich die reformierte Schaffhauser Kirche an ihre 20- bis 40-jährigen Mitglieder. Mit den Antworten möchte man Lebenshilfe leisten und eine Generation erreichen, die kaum eine Beziehung zur Kirche hat.

Sich eine Pause gönnen und Abstand gewinnen hilft gegen den Alltagsstress. So lautet der Rat eines Teilnehmers an der Umfrage der Schaffhauser Kirche zum zunehmenden Leistungsdruck. (Bild: BilderBox)

Die Reformierten haben die Mitgliederbefragung entdeckt. Die Kirchen Bern-Jura-Solothurn sammelten 6‘000 Fragen zur Zukunft der Kirche. Auch die Baselbieter Kirche sondierte die Stimmung und wollte wissen, wie ihre Mitglieder die Kirche wahrnehmen.

Anfang September lancierte nun die Evangelisch-reformierte Kirche des Kantons Schaffhausen eine Online-Befragung. Dabei wählt sie einen neuen Weg. Sie wendet sich an eine klar definierte Altersgruppe, nämlich die 20- bis 40-Jährigen, und sucht Lösungen für ein ganz bestimmtes Problem, das auf den ersten Blick nichts mit Kirche zu tun hat. «Woher nimmst du die Energie, um dem zunehmenden Leistungsdruck der Gesellschaft standzuhalten?», lautet die Frage.

Dazu erklärt Doris Brodbeck, Kommunikationsverantwortliche der reformierten Kirche Schaffhausen: «Die Kirche verliert den Kontakt zu den Jungen.» Von allen Altersgruppen treten die 20- bis 40-Jährigen am zahlreichsten aus der Kirche aus. Der Grund sei nicht, dass sie sich über die Kirche geärgert haben, sondern dass sie gar keine Beziehung zu ihr hätten. Das gehe aus den Austrittsschreiben hervor, die sie ausgewertet hat. Man gelangte darum nicht mit einer Umfrage zu einem religiösen Thema an die kirchenfernen Jungen, sondern mit einem gesellschaftsaktuellen Problem: Wie finden sie den Ausgleich zum Erwartungsdruck und zur Hektik in Beruf und Alltag?

 «Kann mal bitte jemand die Welt anhalten!»

 «Erstmals fragen wir unsere jungen Mitglieder um Rat», sagt Doris Brodbeck. Man habe bewusst ein Thema gewählt, das die Leute bewegt. Hier könne die Kirche Lebenshilfe leisten. Die diesjährige Maturarbeit von Hannes Bächtold aus dem Schaffhausischen Schleitheim mit dem Titel «Kann mal bitte jemand die Welt anhalten!» habe dies bestätigt. Im Gespräch mit dem Autor kamen beide zum Schluss, «dass die Kirche eine der wenigen Institutionen ist, die dazu beitragen kann, dass sich etwas ändert», so Brodbeck.

Rund 6‘000 «Mach mit»-Flyer verschickte die Schaffhauser Kirche. «Mit der Online-Befragung erfahren wir mehr über unsere jungen Mitglieder», hofft Doris Brodbeck. «Gleichzeitig informieren wir sie über die Kirche und wollen die Kontakte pflegen, die sich aus der Aktion ergeben.» Auf dem Flyer erklären je zwei junge Frauen und Männer, wie ihnen ein kirchliches Engagement hilft, mit den Ansprüchen in Beruf und Studium umzugehen. Sie bereiten die Thomasmesse im Schaffhauser Münster vor oder leiten Kindergruppen, Teenagerclubs und Sommercamps.

«Niemand traut sich, das Thema anzusprechen»

Kurz nach dem Start der Aktion konnte Doris Brodbeck bereits erste Feedbacks entgegennehmen. Sport, Freunde, sich Pausen gönnen, lauten die Rezepte gegen Erwartungsdruck und Stress. «Ich muss nicht überall der Beste sein. Das nimmt einiges an Druck weg», rät ein 20-Jähriger. Ein 25-jähriger Teilnehmer schreibt: «ich habe das Gefühl, dass dieser Druck unter anderem entsteht, weil jeder denkt: Andere schaffen das auch, dann muss ich auch. Dabei geht es vielen gleich und niemand traut sich, das Thema anzusprechen.»

«Diese Statements sind wichtig», betont Doris Brodbeck. «Selbst wenn nicht alle sich äussern, so lesen sie vielleicht die Antworten der anderen und unseren Flyer und sehen, wie Gleichaltrige mit dem Problem umgehen und dass sich die Kirche damit beschäftigt.»

Wer mitmacht, unterstützt zusätzlich nach Wahl eines von drei sozialen Projekten, an das die Kirche pro Rückmeldung fünf Franken spendet: an die Beratungsstelle für schwierige Lebenssituationen, an Klimatrainings für Kleinbauern in Entwicklungsgebieten oder an Familiengärten für Flüchtlingsfrauen und ihre Familien. Ende Oktober werden die Antworten ausgewertet.

 

Karin Müller / Kirchenbote
Dieser Artikel stammt aus der Online-Kooperation von «reformiert.», «Interkantonaler Kirchenbote» und «ref.ch».

 

Zur Online-Umfrage der reformierten Kirche Schaffhausen