Hisham Maizar wurde 2013 für die Periode 2014 bis 2016 zum Vorsitzenden des Rats der Religionen (SCR) gewählt. Er wolle dem Rat der Religionen «ein Gesicht in der Öffentlichkeit» geben, kündigte Maizar Anfang Jahr bei seinem Amtsantritt in den Medien an. Er sprach von einer «starken Positionierung» des Rates zu religionspolitischen Themen.
Bisher ist diese Positionierung allerdings weitgehend Absichtserklärung geblieben. Im ablaufenden Jahr nahm der Rat bloss ein einziges Mal öffentlich Stellung: Am 18. Juli verurteilte er vor dem Hintergrund des Gazakrieges die Aufrufe zur Gewalt gegen Juden in der Schweiz.
Seither hat sich der SCR nicht mehr öffentlich geäussert – weder zur Terrormiliz «Islamischer Staat» noch zur Verfolgung religiöser Minderheiten oder zu Burkaverboten. Keine öffentliche Äusserung des SCR gab es ferner zum neuen Haus der Religionen in Bern oder zum unter Beschuss geratenen Islam-Zentrum in Freiburg.
Schwierige Einigkeit
Gegenüber dem «Tages-Anzeiger» wies Präsident Maizar darauf hin, dass der Rat im ablaufenden Jahr stark mit internen Angelegenheiten beschäftigt gewesen sei. Auch sei es schwierig, Stellungnahmen abzugeben, wenn man sich nur vier Mal pro Jahr treffe. Viele Fragen würden zwar durchaus im Rat diskutiert, eine öffentliche Thematisierung werde aber den einzelnen Religionsgemeinschaften überlassen. So hätten sich etwa Juden und Muslime in der Beschneidungsdebatte öffentlich geäussert.
Nicht in jedem Fall sei es einfach, was man als Rat der Religionen sagen wollte, räumte Gottfried Locher, Ratspräsident des Kirchenbundes, gegenüber der Zeitung ein. Locher gehört dem Rat ebenfalls an. Zum Thema Irak/Syrien konnte sich der Rat dem Vernehmen im vergangenen Sommer auf keine Stellungnahme einigen, weil die drei muslimischen Vertreter im Rat darauf drängten, gleichzeitig auch das Thema Gaza zur Sprache zu bringen.
Vorbildlicher «Think Tank»
Gemäss «Tages-Anzeiger» leistet der «Interreligiöse Think-Tank», was eigentlich Aufgabe des Rats der Religionen wäre. Feministische Theologinnen gründeten ihn 2009, und er hat Stellung bezogen zum Burkaverbot, zur Imamausbildung oder zum religiösen Pluralismus. Vor kurzem hat er einen «Leitfaden für den interreligiösen Dialog» herausgegeben, der grossen Absatz findet.
Die Think Tank-Homepage sei zudem viel besser bestückt als die Website des Rats der Religionen. «Dem nicht repräsentativen und unabhängigen Think-Tank der Frauen fällt das Reden offenbar leichter als dem Rat der religiösen Leader im Lande», so der «Tages-Anzeiger».
Der SCR wurde 2006 gegründet und setzt sich aus leitenden Persönlichkeiten der Bischofskonferenz, des Rates des Kirchenbundes, der Christkatholischen Kirche der Schweiz, der orthodoxen Kirchen der Schweiz, des Israelitischen Gemeindebundes und islamischer Organisationen der Schweiz zusammen. (kipa)