SRF-Radiopredigten: katholisch vs. freikirchlich

Ein Sonntag, zwei Radiopredigten: Unser Autor hört die römisch-katholischen und die evangelisch-freikirchlichen Worte - und gelangt zu einem klaren Urteil. Eine Medienkritik.

Am vergangenen Sonntag hatte ich das Vergnügen, zwei Radiopredigten nacheinander auf Radio SRF 2 Kultur zu hören. Die erste war eine römisch-katholische, die zweite eine freikirchliche. Bei der einen nickte ich nach anfänglichem Zögern. Bei der anderen schüttelte ich zunehmend den Kopf.

Walter Kirchschläger, so der erste Prediger, erläuterte eine Geschichte aus dem Matthäus-Evangelium. Dort verweigert Jesus einem Mädchen die Heilung, weil es kein Israelitin ist, sondern eine Ausländerin. Ein fremdenfeindlicher Jesus? Geht das? Ich spitzte die Ohren. Jesus begründet: «Man darf das Brot nicht den Kindern wegnehmen, um es den Hunden vorzuwerfen.» Hunde? «Harte Rede», wie Kirchschläger zu Recht fand. Die Mutter des Kindes lässt aber nicht locker, sondern erklärt, dass auch die Hunde Brosamen von den Tischen der Herren bekommen. Das scheint Jesus zu überzeugen (Kirchschläger auch, mich aber ehrlich gesagt weniger), und er heilt das Kind.

Zusammengesuchte Jesus-Zitate

Die kleine Geschichte zeigt, wie schwierig und widersprüchlich Jesus sein kann. Er ist nicht einfach zu konsumieren. Aber das macht ihn genau interessant: Man kann über ihn diskutieren, reflektieren, ergründen, in die Tiefe gehen, es auch aushalten. Und das sollte natürlich mit Religionen generell möglich sein. Das gefällt mir.

Die freikirchliche Predigt war da etwas anders. Pastor Marlon Heins erzählte, wie ihn seine Tochter aufgefordert hatte, sich aus der Couch zu wuchten und die SRF-Sendung «Bi de Lüt» nicht am TV zu verfolgen, sondern direkt vor Ort. Also machte er das. Er sah dort mehr als am TV, all die Kameras, Scheinwerfer, Monitore. Die Episode diente Heins als Beispiel, wie man sich auf Gott auch einmal ohne Filter einlassen kann («wie an dieser Fernsehsendung!»). Er erzählte dann die Geschichte von seinem Onkel, der sich nie etwas aus dem Christentum gemacht habe, aber dann plötzlich, an einer «evangelistischen Veranstaltung», sei der Glaube an Jesus gekommen. Grundiert wurde das Ganze mit vielen unhinterfragten, zusammengesuchten Jesus-Zitaten.

Wohin mit den Zweifeln?

Diese Predigt war mir einerseits zu seicht. Andererseits entsprach sie nicht meinem Versuch, Gott und die Welt wahrzunehmen und zu erkennen. Was, wenn einen der Glauben nicht einfach so anspringt? Wohin mit den Zweifeln? Überhaupt: Zweifel sind offenbar etwas Schlechtes. Da bin ich ganz anderer Meinung. Religiöses Erkennen verläuft nicht nach einem Erweckungsschema, sondern wellenartig, mäandrierend und dialektisch.

 

Hier können Sie die besprochenen SRF-2-Radiopredigten vom 17. August hören:

Römisch-katholische Radiopredigt von Theologe Walter Kirchschläger

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Evangelisch-freikirchliche Radiopredigt von Pastor Marlon Heins

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