Polyamorie
«Ich habe in meinem Leben viele bedeutsame Bindungen»
Tamara* Ich lebte zehn Jahre in einer monogamen Beziehung. Andere Beziehungsformen waren ein Thema, über das wir im Freundeskreis sprachen. Das fand ich interessant. Aber ich dachte nicht daran, jemanden zu daten. Meine damalige Partnerin konnte sich nichts anderes vorstellen, als eine monogame Beziehung zu führen. Ich verstand nicht, wieso man verschiedene, tiefe Freundschaften pflegen konnte, das aber in romantischen Beziehungen nicht möglich sein soll. Durch diese Exklusivität lasteten auf einer einzigen Person so viele Erwartungen, denen ich nicht gerecht werden konnte. Das fühlte sich eng an. Als ich mich trennte, registrierte ich mich bei einer Dating-App und suchte explizit nach polyamoren Personen. Ich wollte mich wieder binden, hatte aber die Befürchtung, jemand fixiere sich zu sehr auf mich. Bei der Polyamorie ist von Anfang an klar, es muss nicht alles in einer einzigen Beziehung entdeckt und getragen werden. Katharina war mein erstes Online-Date, das ich je hatte. Ich las damals ein Buch über polyamore Beziehungen, und sie hatte in ihrem Profil angegeben, das genau dieses Buch auf ihrem Nachttisch lag. Ich habe es zu Ende gelesen, auch um mich am Date mit ihr darüber zu unterhalten.
Katharina* Ich musste gestehen, dass ich das Buch gar nicht zu Ende gelesen hatte. Wir gingen spazieren und haben uns trotzdem sehr gut unterhalten. Bereits als Teenagerin habe ich nicht verstanden, wieso ich mich zwischen zwei Menschen entscheiden muss. In meinen 20ern merkte ich, dass ich bisexuell bin. Ich erzählte Tamara, dass ich eine Beziehung mit einem Mann führe. Das war für sie kein Problem.
Tamara Ich fand das spannend. Auch wenn Vieles zu Beginn ungewohnt war, etwa, als ich bei Katharina zuhause die Zahnbürste ihres Partners sah. Knapp drei Monate nach unserem Kennenlernen hatte Katharina einen Bandscheiben-Vorfall. Du warst auf Unterstützung angewiesen und ich war froh, nicht die einzige Person zu sein, die sich um dich kümmerte. Deine Familie lebt in Deutschland, aber dein Partner war auch da für dich. Irgendwann wollte ich ihn auch kennenlernen. Wir trafen uns bei mir zuhause zu einem Abendessen.
Katharina Ich war so aufgeregt! Es war mir wichtig, dass sich alle mögen. Nur weil wir miteinander auskommen, heisst das aber nicht, dass jeder mit jedem eine sexuelle Beziehung hat. Das ist eines der Vorurteile über Polyamorie. Es gibt so viele vorgefertigte Muster – zusammenziehen, heiraten, Kinder – die für uns nicht gelten. Viele verwechseln Polyamorie mit einer offenen Beziehung. Der Unterschied liegt darin, dass bei der offenen Beziehung eine Bindung die Hauptbeziehung bleibt. Durch die Öffnung entstehen neue Beziehungen, sie sind meist sexueller Natur. In der Polyamorie dagegen sind jegliche Beziehungen möglich. Ich schreibe bei Einladungen: «Bring deine Liebsten mit».
Tamara Menschen sollten grundsätzlich mehr nachfragen, statt eine Annahme zu treffen, die gängigen Moralvorstellungen wie jener der Monogamie widerspricht. Ich war in unserer Beziehung selten eifersüchtig. Du bist ein Mensch, der über seine Gefühle spricht. Damit hast du mir Sicherheit gegeben. Es entlastet mich, dass dich auch dein Partner an Familienfeiern oder Partys begleitet. Anlässe, an denen viele Menschen sind oder vor allem Smalltalk gemacht wird, werden mir auch mal zu viel. So finde ich es schön, muss ich nicht immer dabei sein und kann nach Hause gehen, wann immer ich möchte, während dein Partner bleibt und beim Aufräumen hilft.
Katharina Du hast gedacht, es wird von dir erwartet, dass du von Anfang bis zum Ende an meiner Geburtstagsparty bleibst. Dabei erwarte ich das gar nicht. Unsere Beziehung steht auf einem sicheren Fundament, nämlich dem, dass wir gut mit uns allein klarkommen und mit uns selbst zufrieden sind. Dennoch war Eifersucht bei mir plötzlich ein Thema, als du im Sommer vor einem Jahr auch eine zweite Beziehung eingegangen bist. Die Gefühle, die das bei mir auslöste, haben mich sehr überrascht. Ich hatte Angst um unsere Beziehung und musste mich damit auseinandersetzen. Unsere Verhaltensmuster, die wir als Menschen mit uns durch das Leben tragen, können wir nur bis zu einem gewissen Punkt unterdrücken. Ich stellte mich meinen Ängsten und thematisierte das auch in unseren Gesprächen. Das war hart. Hättest du gesagt: «Sorry, dass es dir schlecht geht, ich höre auf, jemand anderen zu treffen», hätte mich das zu einem späteren Zeitpunkt eingeholt. Du hast schon vor unserer Krise vorgeschlagen, dass wir uns in regelmässigen Gesprächen austauschen. Ich fand das unnötig.
Tamara Jetzt treffen wir uns in der Regel jeweils am Montagabend. Jede Person hat fünfzehn Minuten Zeit, um zu sprechen. Wir orientieren uns dabei am Konzept des sogenannten Zwiegesprächs. Es scheint uns wichtig, dass wir uns miteinander auseinandersetzen, aber auch jede sich selbst reflektiert. Weil Polyamorie viel freier ist, muss man sich öfter austauschen. Wir sprechen auch an, wer sich wann mit wem trifft. Erfahren wir es im Nachhinein, wirkt es, als sei etwas verheimlicht worden.
Katharina Mit der offenen Kommunikation machen wir uns verletzlich. Jede von uns entscheidet individuell, wie und mit wem wir in Beziehungen leben möchten, aber möglichst unter Einbezug und im Austausch mit allen Personen, die es betrifft. Es fällt nicht immer leicht, Missverständnisse zu vermeiden und sich zu finden. Ich habe kein grosses Interesse an den sexuellen Details deiner anderen Beziehungen. Du dagegen bist grundsätzlich an allem interessiert und überlässt mir die Entscheidung, was ich teilen möchte und was nicht. Seit diesem Sommer date ich jemanden. Diese Aufregung mit dir zu teilen, ist total schön.
Tamara Gemeinsame Freunde kennen diese Person. Wir haben mit dir mitgefiebert und uns gefragt, wie es wohl gelaufen ist. Du hast mir von deinen Unsicherheiten erzählt, die du beim Dating hast. Das nahmen wir zum Anlass, über die Anfänge unserer Beziehung gemeinsam nachzudenken.
Katharina Ich fände es schön, würden rechtlich gesehen weitere Lebensformen berücksichtigt als ‘nur’ das Konkubinat oder die Ehe. Wir wollen keine Kinder. Und ich dachte, Tamara wolle aus Prinzip nicht heiraten. Dabei schliesst sie die Ehe nicht kategorisch aus.
Tamara Hochzeit ist für mich an Romantik gekoppelt. Aber was ist mit Menschen, deren wichtigste Bezugsperson ein guter Freund, eine gute Freundin ist? Wie wäre es, wenn wir Menschen absichern könnten, mit denen wir in einer Wohngemeinschaft leben, denen wir die Schlüssel für unser Zuhause anvertrauen? Ich habe eine Patientenverfügung. Entscheidungsbefugnis haben Katharina und eine Freundin von mir, die Ärztin ist. Sie steht mir sehr nahe und würde eine medizinische Sichtweise einbringen.
Katharina Für mich ist der grösste Gewinn der Polyamorie, so viele bedeutsame Bindungen in meinem Leben zu haben. Es klingt abgedroschen, aber: Das Einzige, was sich vermehrt, wenn man es teilt, ist die Liebe. Ich fühle mich von so vielen Menschen auf unterschiedliche Arten geliebt. Das ist für mich ein riesiges Privileg.
Tamara In jeder meiner Beziehungen manifestiert sich eine andere Seite von mir. Mir wird auch aufgezeigt, welche Verhaltensmuster sich bei mir wiederholen. Dadurch kann ich mich weiterentwickeln. Mit Katharina probiere ich Dinge aus, die vielleicht auch in anderen Beziehungen funktionieren. Wir haben zum Beispiel ein Punktesystem, mit dem ich von 0 bis 10 angeben kann, wie unwohl ich mich an einem Anlass fühle und wie rasch ich nach Hause möchte, bei 10 wäre ich am liebsten vor einer Stunde schon wieder zuhause gewesen. Das wende ich auch in meiner anderen Beziehung an. So lernen wir voneinander.
*Katharina und Tamara sind 34 Jahre alt, beide leben und arbeiten in Zürich. Auf eigenen Wunsch werden im Text ausschliesslich ihre Vornamen genannt.