Es ist ein alter Traum, die Menschen mit Technik zu verändern. Mit den Entwicklungen in der Biotechnologie scheint sich eine neue Formbarkeit des Menschen zu eröffnen, sagte Stefan Grotefeld von der Fachstelle Gesellschaft und Ethik der reformierten Landeskirche Zürich in der Einleitung des Abends. Doch die Frage sei: Ist es unsere moralische Pflicht, die menschliche Natur zu verbessern, oder ist der Mensch nicht gut so, wie Gott ihn geschaffen hat?
Unter dem Titel «Was ist der Mensch? Enhancement als Herausforderung» fand die Veranstaltung der Paulus-Akademie und der reformierten Landeskirche statt. Der Philosoph Oliver Müller hielt das Einstiegsreferat vor rund 40 Zuhörern. Müller forscht zum Thema «Enhancement» und befasst sich mit der philosophischen Anthropologie und der Ethik der Neurowissenschaften. «Enhancement» bezeichnete er als den gezielten Einsatz von Techniken, um den Menschen zu verändern. Es gehe dabei nicht um die Heilung des Kranken, sondern um die Verbesserung des Gesunden.
Die Philosophen der Richtung «Transhumanismus» finden, dass der Mensch sich durch technologische Verfahren verbessern sollte, um seine Grenzen zu erweitern. Der Mensch als «sich verbesserndes Wesen» sei keine neue Idee, so der Philosoph. «Schon Paulus schrieb vom neuen Menschen und vom alten Adam.» Die mythische Vorstellung des Jungbrunnens sei auch heute aktuell. Der Mensch möchte vermeiden, gebrechlich und alt zu werden. Müller ging von zwei unterschiedlichen Menschenbildern aus. Das eine sehe den Menschen als von Natur aus «sich selbst aufgegeben» und offen. Beim anderen ist der Mensch «geworden», das heisst man sollte ihn nicht verändern.
Glück als Ziel
Das «Enhancement» umfasst drei Bereiche: Eingriffe ins Gehirn, die unsere Hirnleistung oder unsere psychische Stimmung verbessern, Eingriffe in den Körper, die unsere physische Leistungsfähigkeit erhöhen, und Eingriffe ins menschliche Erbgut. Die Einnahme von psychoaktiven Substanzen wie «Ritalin» oder «Provigil», um die eigene Konzentration zu steigern, heisst «Neuro-Enhancement». Die Befürworter sehen die Produktivkräfte gesteigert und Unzulänglichkeiten minimiert.
Doch der Mensch könne nicht nur auf die Neurophysiologie reduziert werden, sagte der Philosoph. Er sah die Gefahr, dass wir mit medizinischen Mitteln gesellschaftliche Probleme lösen wollen. Wir würden immer mehr zu einer Leistungsgesellschaft werden. Das Glück sei das Ziel der individuellen Lebensgestaltung. Doch die Frage sei, wie wir dies erreichen, ob auch Medikamente erlaubt sind. Gefährlich werde es dann, meinte Müller, wenn wir uns selber täuschen und das Gefühl haben, mit einem Medikament glücklicher zu sein.
Verbesserung zum Guten
Die Theologin Christina Aus der Au outete sich schon zu Beginn der Diskussion, die von Susanne Brauer von der Paulus-Akademie geleitet wurde, als Science-Fiction-Fan. Sie fand, dass die Technik das Leben des Menschen bequemer machen kann und auch sollte. Ein wichtiger Punkt sei, dass es freiwillig geschehe. Müller entgegnete, dass es erhebliche Nachteile mit sich bringe, wenn wir Medikamente brauchen, um noch mithalten zu können. Den Menschen leistungsfähiger zu machen, sei das Ziel, fand die Theologin. «Denn der Mensch ist nicht das Mass aller Dinge.» In der Bibel wird er als «Sünder» bezeichnet.
Ein Mittel zur Förderung der Empathiefähigkeit habe auch nichts mit der Leistungsgesellschaft zu tun, sondern es würde sogar zum Guten führen. Die Frage dabei sei, was gut ist, um den Menschen das Zusammenleben zu erleichtern. Es könne für eine Familie besser sein, wenn ein Kind Ritalin nimmt, um die Situation zu entspannen. Oliver Müller findet es dann problematisch, wenn unruhigen Kindern eine Krankheit zugeschrieben werde, die sie gar nicht haben. Hier habe auch die Pharmaindustrie ihre Interessen im Spiel.
Müller plädierte für einen Mittelweg: sich verbessern, aber auch dankbar sein gegenüber dem Gegebenen. Für Aus der Au ist der Mensch sowieso ein Schöpfer, der sich ständig weiterentwickelt. Die Frage sei nicht, ob er sich verbessern soll, er tue es sowieso.
Die Frage nach der Gerechtigkeit
Bei der Diskussion, ob es ethisch vertretbar ist, die eigene Leistungsfähigkeit mit Medikamenten zu steigern, stellte sich auch die Frage nach der Gerechtigkeit. Christina Aus der Au fand diese Frage zynisch, da das ganze System ungerecht sei. Es gebe immer die sozial Starken und die sozial Schwachen. Wenn die Eltern einiger Kinder Vorbereitungskurse für die Aufnahmeprüfungen bezahlen, seien die Chancen schon nicht mehr für alle fair.