«Pfarrer und Kirche habe ich mir ganz anders vorgestellt»

Der Campus Kappel soll junge Leute zum Theologiestudium ermutigen. Vom 18. bis zum 22. Juli fand er zum vierten Mal statt. Wir waren dabei und hörten uns um.

Aufmerksame Zuhörerinnen: Die Teilnehmenden des diesjährigen Campus Kappel. (Bild: ref.ch/Weymann)

Braucht es in der Schweiz eine Armee? Wie fremd fühlen sich Türken bei uns? In welchen Fällen ist eine Brustvergrösserung angemessen? Engagagiert diskutieren die Teilnehmenden im Plenum und untereinander. Durchaus auch kritisch: Die eingeladene Ex-Miss Teenie Zoë Holthuizen komme doch etwas unecht rüber. Und warum sei beim Thema Fremde niemand auf dem Podium gewesen, der auf die Probleme hinweise, die es ja auch gebe?

28 Jugendliche und junge Erwachsene haben eine Ferienwoche drangegeben, um sich in Kappel am Albis den grossen Fragen der Menschheit zu stellen. Diesmal: Ist Gott tot? Wie aggressiv darf ich sein? Wieviel Fremdes vertragen wir? Wie perfekt muss ich sein?

Eine «sehr spezifische Zielgruppe»

Platz hätte es für 40 gehabt, die Anmeldefrist wurde extra bis zum 5. Juli verlängert. Manche sind schon zum zweiten oder gar dritten Mal dabei. Warum kommen so wenig Neue? «Das ist eine echte Herausforderung», sagt Koordinatorin Sara Stöcklin. «Wir können über die Gründe nur spekulieren.» Einerseits sei es schon eine «sehr spezifische Zielgruppe», die da angesprochen werde. Junge Menschen kurz vor oder nach der Matura, die sich für Theologie interessieren, sind halt keine Massenware. Jetzt sollen weitere Kanäle geschaffen werden, um Interessierte anzusprechen. So ist auf diesem Campus ein Filmteam anwesend, das die Statements von einzelnen Teilnehmenden aufnimmt. Das Ganze soll dann zu einem Werbespot werden, der auf den sozialen Medien geteilt werden kann.

«Ganz wichtig zur Motivierung sind die Pfarrpersonen», sagt Stöcklin. Sie müssen auf allfällige Kandidaten aufmerksam werden, sie ansprechen, als Referenzpersonen dienen.

Offenheit und Respekt

Die dabei sind, finden, dass es sich auf alle Fälle lohnt. Charlotte aus Winterthur zum Beispiel schätzt die «unglaubliche Offenheit», mit der sich hier junge Leute mit den verschiedensten Hintergründen und Ansichten begegnen.

Dieser Ansicht ist auch Rony. Er ist unter den Teilnehmenden des Campus in zweifacher Hinsicht in der Minderheit: Als einer von zwei Männern und als Mitglied einer Freikirche. Der extreme Frauenüberschuss dieses Jahr sei Zufall, heisst es. Letztes Jahr sei die Geschlechterverteilung etwa halb-halb gewesen.

Rony jedenfalls stört es nicht. Im Gegenteil, er findet es spannend, sich einmal intensiver mit den Fragestellungen des anderen Geschlechts zu beschäftigen. Für seinen Glauben sind manche Inhalte natürlich schon starker Tobak. Die eingeladene Pfarrerin Ella de Groot zum Beispiel, die ihre Zweifel an der Existenz eines persönlichen Gottes äussert. Aber auch für ihn zählen Neugier, Respekt, die Bereitschaft, sich anderen Meinungen auszusetzen, die eigenen Überzeugungen zu überdenken, zu den Pluspunkten dieser Woche.

Uncoole Kirche

Eigentlich brauche es gar kein spezielles Interesse für Theologie, um vom Campus Kappel zu profitieren, meint Charlotte. Einzige Bedingung sei die Bereitschaft, über die grossen Fragen nachzudenken und sich darüber auszutauschen. Ihre Kollegin Sophia hat deshalb sogar Werbemails an ihre Schulkollegen geschickt. Ohne Erfolg. Es ist schon so: Aktivitäten, die irgendwie mit Kirche zu tun haben, sind in weiten Teilen dieser Altersgruppe einfach «uncool», Kollegen, die da mitmachen, werden belächelt.

Die Kirchen lassen sich diese Nachwuchsförderung etwas kosten. Rund 45‘000 Franken stellt die Werbekommission Theologiestudium der Deutschschweizer reformierten Landeskirchen und der theologischen Fakultäten dafür jährlich zur Verfügung, wobei die reformierte Kirche des Kantons Zürich den Löwenanteil übernimmt. In der Hoffnung, dass Massnahmen wie diese helfen, das enorme Nachwuchsproblem abzufedern, das den Schweizer reformierten Kirchen bevorsteht. «In 15 Jahren sind zwei Drittel der heutigen Pfarrpersonen pensioniert», so Stöcklin. Trotz Stellenstreichungen wäre dann immer noch Bedarf für rund 500 Pfarrpersonen, der durch die heutigen 10 bis 20 Studierenden pro Jahr und Fakultät nicht gedeckt werden kann.

Auch das allgemeine Interesse an Theologie zählt

Lohnt sich dieser Aufwand? Werden hier tatsächlich junge Leute zum Theologiestudium motiviert? Der eine oder die andere sicher. Valeria zum Beispiel ist schon im fünften Semester. Angeregt wurde die junge Frau durch den Campus von 2014. Charlotte oder Rony dagegen haben im Moment andere Pläne. Die Bündnerin Anita will Theologie studieren, aber das weiss sie schon seit der 5. Klasse. Auch Tatjana ist eine Theologin in spe, allerdings eine katholische.

Ein geplantes Theologiestudium sei keine Bedingung für die Anmeldung zum Campus Kappel, so Stöcklin. «Es ist schon viel wert, das allgemeine Interesse für Theologie zu fördern.» Es habe auch schon Teilnehmer gegeben, die ihre Meinung geändert hätten und sich dann doch ein Studium der Theologie vorstellen konnten.

Vom Sinn des Campus Kappel überzeugt ist auch Sibylle Forrer. Die aus dem «Wort zum Sonntag» bekannte Pfarrerin ist eine von fünf jungen Pfarrpersonen, die den Teilnehmenden beratend als Coach zur Seite steht. Ihr würden viele Fragen nach dem Pfarrberuf gestellt, sagt sie. Oft höre sie Sätze wie: «Pfarrer und Kirche, das habe ich mir ganz anders vorgestellt.» Und wenn diese Jugendlichen dann sähen, dass Pfarrer «ganz normale Menschen» sind, dann käme schon bei einigen die Frage: «Warum mache ich das eigentlich nicht auch?»

 

Impressionen vom diesjährigen Campus Kappel