Klimawandel

Ozeane so warm wie noch nie

Die Ozeane leiden schon unter Überfischung, Plastikmüll und Versauerung. Jüngst stieg auch die Meerestemperatur stark an. Wissenschaftler machen sich Sorgen.

Genau 21 Grad: Die Weltmeere sind in den ersten Monaten dieses Jahres im Durchschnitt so warm gewesen wie noch nie seit Beginn der Messungen in den 1980er Jahren. Was auf den ersten Blick nach gutem Badewetter für den Urlaub klingen mag, ist für die Wissenschaft ein schrilles Alarmsignal in Sachen Klimawandel und Extremwetter – auch für die Situation an Land.

«Es braucht sehr viel Energie, um Wasser zu erwärmen», sagt Anders Levermann, Wissenschaftler am Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK). «Das ist ein monströser Effekt, den wir da gerade sehen.» Auch andere Forscher in Deutschland sind beunruhigt.

Gemessen hat die Werte die US-amerikanische Wetter- und Ozeanographiebehörde NOAA. Das Institut legt seit 1981 unter anderem mithilfe von Satelliten und speziellen Bojen Messreihen mit den täglichen Oberflächentemperaturen der Weltmeere vor. Der daraus errechnete Mittelwert gilt als globaler Seismograf – regional können die Temperaturen deutlich höher oder niedriger liegen. Besonders seit Mitte März schnellen die Temperaturen nach oben wie noch nie seit Beginn der Messungen.

Gigantische Energiemenge

Zum Vergleich: 1985 lag die Meerestemperatur Ende April im Mittel noch bei 20 Grad. Bereits ein Anstieg um 0,1 Grad im Ozean entspricht einer gigantischen Energiemenge, ordnet es Forscher Levermann ein. «Die Wärmekapazität des Wassers ist sehr viel höher als die der Luft oder des Landes.» Die aktuellen Werte befänden sich so weit ausserhalb der normalen Schwankungen, dass es besorgniserregend sei.

«Temperaturen im Meer sind ein absoluter Masterschalter», sagt auch Thorsten Reusch, Biologe am Geomar Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung. Kleinste Veränderungen können das globale Klimasystem durcheinanderwirbeln. Für Laien möge sich ein Anstieg von 0,2 Grad nach wenig anhören. Das sei aber der globale Mittelwert. Meerwasser könne sich regional viel stärker erwärmen, in den Tropen bis über 30 Grad Celsius. Das hat Folgen. «Bei vielen Organismen im Meer ist die Wassertemperatur die Körpertemperatur.»

Fische weichen aus

Fische wichen bei einer Erwärmung in kühlere Meeresregionen aus, so Reusch. Dadurch komme es zu einer Verschiebung der Artenzusammensetzung mit Folgen für die Nahrungsketten. Für Korallen, Hotspots der biologischen Vielfalt des Meeres, gibt es eine Grenze: Ab 30 Grad fingen sie an, auszubleichen und abzusterben, erläutert Reusch. «Im Mittelmeer gab es im vergangenen Jahr eine massive Hitzewelle mit bis zu 30 Grad Wassertemperatur. Das war fünf Grad über der Norm.» Dieses Extrem habe zum Absterben von Korallenarten wie Gorgonien und Edelkorallen geführt.

Doch es geht nicht nur um die Meeresbewohner. Physikalische Prozesse wie Verdunstung wirken sich auch auf das Land aus. Die Ozeane als Wärmepuffer seien der grosse Energielieferant für die Atmosphäre, erläutert Klimaforscher Levermann. «Wenn diese Energie frei wird, gibt es häufiger und intensivere Extreme.» Das seien dann zum Beispiel Taifune und Hurrikans.

«Es geht auch um Starkregen, denn eine wärmere Atmosphäre kann mehr Wasserdampf halten. Dadurch werden Überschwemmungen verstärkt, auch in unseren Breiten.» Für den Wissenschaftler sind die Ozeane, die rund 70 Prozent der Erde bedecken, wie eine gigantische Klimaanlage. «Und die läuft gerade warm.»

Risiko für neue Extremwerte

Neben Wäldern und Böden gehören Ozeane auch zu den grössten Kohlenstoffsenken der Erde und dämpfen massiv den Treibhauseffekt – noch. «Bisher verschwanden 30 Prozent des menschengemachten Kohlendioxids über die sogenannte biologische Kohlenstoffpumpe in der Tiefsee. Das wird durch die Erwärmung abgeschwächt», sagt Ökologe Reusch. Für Klimaforscher Levermann betritt die Menschheit mit der aktuell gemessenen Ozeanerwärmung unbekanntes Territorium. (sda/ dpa/ pef)