Flut in Nepal

«Die Zerstörung ist absolut extrem»

Die von der Sturzflut betroffene Region in Nepal ist noch immer im Ausnahmezustand. Jürg Merz von Helvetas war fünf Tage lang vor Ort. Er erzählt, was die Betroffenen jetzt brauchen und weshalb er nach einem Interview geweint hat.
Nach der Sturzflut ist im nepalesischen Ort Rasuwa nichts mehr wie zuvor. (Bild: Helvetas)

Vor fast zwei Wochen brachte eine Sturzflut Tod und Zerstörung über die nepalesischen Distrikte Rasuwa und Nuwakot. Die Region ist bei Touristinnen und Touristen beliebt für Himalaja-Trekkings und bei Pilgern für den Besuch des heiligen Bergs Kailash (ref.ch berichtete).

Ein Gletscherabbruch und ein Bergsturz sollen eine Flutwelle ausgelöst haben, die sich durch ein Tal ergoss und alles mitriss, was sich ihr in den Weg stellte. Die nepalesische Regierung meldet mehr als 1000 Todesopfer, über 4000 Menschen werden noch vermisst.

Als sich das Unglück ereignete, war Jürg Merz, Kontinentalkoordinator des Hilfswerks Helvetas, gerade in Indien an einer Konferenz. Eigentlich sollte er dienstlich nach Bangladesch weiterreisen, doch wegen der Sturzflut änderte er seine Pläne: «Ich ging für fünf Tage nach Nepal, um die Helvetas-Mitarbeitenden vor Ort zu unterstützen», sagt er. Merz hat 20 Jahre lang in Nepal gelebt und spricht die Landessprache.

Herr Merz, was kann Helvetas aktuell im Katastrophengebiet tun und wobei haben Sie die Ortskräfte unterstützt?
Am ersten Tag bin ich ins Krisengebiet gereist, habe mir einen Überblick verschafft und gefragt, was die Menschen vor Ort brauchen. Die Leute haben mir gesagt, sie hätten nur die schmutzigen Kleider, die sie trügen. Sie hätten alles verloren und kein Geld, um Hygieneartikel wie Zahnbürsten zu kaufen. Also haben wir Kleidung, Seife und dergleichen eingekauft und ins betroffene Gebiet geliefert. Als nächstes wollen wir Solarlampen hinbringen, womit die Menschen auch ihr Handy-Akku laden können, um sich bei Verwandten und Freunden zu melden. Ausserdem werden wir Toiletten bei den Notunterkünften aufstellen.

Das Katastrophengebiet ist schwierig zu erreichen. Die Hilfe für die Betroffenen ist gerade angelaufen und deckt zuerst das Allernötigste. (Bild: Helvetas)

Wie mobil ist man in dem Gebiet?
Man kommt bis zum Ort Dhunche, das ist rund 30 Kilometer entfernt vom Grenzübergang nach Tibet. Vor der Katastrophe waren es von Kathmandu rund drei Stunden Fahrt dorthin. Nun braucht man acht Stunden. Die Strasse ist vom Regen beschädigt und der Boden ist aufgeweicht.

Welchen Eindruck haben Sie von den Schäden an Häusern und Infrastruktur?
Im Flussbett ist die Zerstörung absolut extrem. Das Wasser hat alles mitgerissen. Oberhalb davon stehen zwar noch Wald, Reisfelder und Häuser, doch die Flut hat die gesamte Infrastruktur zerstört. Es wurden 68 Hängebrücken und 35 Strassenbrücken weggeschwemmt und 11 Wasserkraftanlagen getroffen. Die Menschen können nicht mehr von der einen Talseite zur anderen gelangen. In den Bereich nördlich von Dhunche kommt man nur noch mit dem Helikopter.

Wie arbeiten Hilfswerke und staatliche Helfer zusammen?
Die neue nepalesische Regierung koordiniert die Hilfe stärker, als es beispielsweise nach dem grossen Erdbeben 2015 der Fall war. Sie verlangt, dass die Verteilung der Hilfsgüter über die Lokalregierung läuft. Wir müssen alle Artikel registrieren lassen, dann werden sie verteilt. Das ist in meinen Augen sehr gut. Wir haben aber darauf bestanden, dass wir beim Verteilen dabei sind, um unseren Spendern versichern zu können, dass alles auch am richtigen Ort ankommt.

Den Wassermassen konnten weder Brücken noch Häuser oder ganze Wasserkraftwerke widerstehen. (Bild: Helvetas)

Das Erdbeben von 2015 hinterliess grosse Zerstörung und kostete rund 9000 Menschenleben. Hatte sich das Land davon erholt, ehe es zur Sturzflut kam?
Es hat sich sehr gut erholt, die nepalesische Bevölkerung ist sehr resilient. In der Region, die jetzt betroffen ist, gab es keine Spuren des Erdbebens mehr. Sie ist wichtig für den Warentransit, den Tourismus und die Stromproduktion.

Der nepalesische Aussenminister hat nach der Katastrophe gesagt: «Wir zahlen den höchsten Preis für eine globale Krise, die wir nicht verursacht haben.» Er meint den Klimawandel und verlangt finanzielle Unterstützung von jenen Staaten, die am meisten CO2 verursachen. Ist das gerechtfertigt?
Ich kann seine Forderung nachvollziehen. Entwicklungsländer wie Nepal sind stark betroffen von den Folgen des Klimawandels, für den primär wir verantwortlich sind. Persönlich kann ich aber nicht abschätzen, ob die Flut eine Folge des Klimawandels ist. Berge und Gletscher sind dynamische Systeme. Es braucht wissenschaftliche Beweise für eine solche Aussage, sonst endet es in Schuldzuweisungen.

Helvetas ist seit rund 70 Jahren in Nepal aktiv. Haben Sie in den vergangenen Tagen davon profitiert?
Durch unsere Arbeit im Land haben wir viele Kontakte und die waren absolut hilfreich. Die betroffene Region ist nicht das Gebiet, in dem Helvetas vorwiegend tätig ist. Aber es gibt zwei Projekte, bei denen wir mit der Lokalregierung zusammenarbeiten. Durch die Ansprechpartner bei der Behörde haben wir viele Informationen bekommen, die für unseren Einsatz wertvoll sind. Nur so konnten wir uns einen Überblick verschaffen, in dem Tohuwabohu, das dort herrscht.

Sie haben zwanzig Jahre in Nepal gelebt. Wie war es für Sie, in das Katastrophengebiet zu kommen?
Dieses Mass an Zerstörung zu sehen, hat mich mitgenommen. Solange man arbeitet, reagiert man professionell und blendet die emotionale Betroffenheit aus. Aber ich kann nicht behaupten, dass ich gut geschlafen habe. Als ich im Katastrophengebiet ein Interview gab, kämpfte ich mit den Tränen, aber ich hielt durch. Geweint habe ich erst nach dem Gespräch.

Der Helvetas-Verantwortliche Jürg Merz hat 20 Jahre in Nepal gelebt. Die Menschen dort seien resilient, aber die Katastrophe schade dem ganzen Land. (Bild: Helvetas)

Was hat Sie so getroffen?
Eigentlich habe ich das Glück, dass in der Sturzflut keine meiner nepalesischen Verwandten, Freunde und Bekannten zu Schaden gekommen sind. Aber wenn ich sehe, wie das Land von der Katastrophe getroffen wurde, tut mir das weh. Die neue Regierung muss sich gleich bewähren und zeigen, dass sie mit dieser schwierigen Situation umgehen kann. Die Schäden in der Region sind immens. Der Tourismus ist auch betroffen und er ist eine wichtige Einnahmequelle. Das alles tut dem Land nicht gut.

Himalaya-Trekking in Nepal ist bei Schweizerinnen und Schweizern sehr beliebt. Bedeutet die Sturzflut, dass so eine Reise künftig zu gefährlich ist?
Nein, das kann man nicht sagen. Diese Flut ist objektiv betrachtet ein sehr seltenes Ereignis. So etwas kann passieren in einem Berggebiet, in der Schweiz hat sich in Blatten etwas ähnliches ereignet. Es wäre falsch, deswegen nicht mehr nach Nepal zu reisen. Einerseits ist das Land auf den Tourismus angewiesen und andererseits erleben die Besucher die Warmherzigkeit der nepalesischen Bevölkerung und die Schönheit der Natur im Himalaya.

Beitrag teilen

Lesen Sie mehr zum Thema