Literatur

Martin Walser ist tot

Er gehörte zu den bedeutendsten und streitbarsten Autoren der Nachkriegszeit. Jetzt ist der deutsche Schriftsteller Martin Walser im Alter von 96 Jahren gestorben.

Martin Walser auf einer Aufnahme von 2012. (Bild: Patrick Seeger / Keystone)

Walser wurde am 24. März 1927 als Sohn eines Gastwirts in Wasserburg am Bodensee geboren. Zu seinen bekanntesten Werken zählt die Novelle «Ein fliehendes Pferd» aus dem Jahr 1978, das von Kritikern gefeiert und fürs Kino verfilmt wurde. Für sein Schaffen erhielt er zahlreiche Preise, darunter den Georg-Büchner-Preis im Jahr 1981 und den Friedenspreis des deutschen Buchhandels im Jahr 1998. Nun ist Walser im Alter von 96 Jahren gestorben, wie der Rowohlt-Verlag mitteilte.

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier bezeichnete Walser in einem Kondolenzschreiben als «einen grossartigen Menschen und einen Schriftsteller von Weltrang», den Deutschland verloren habe. «Wenn man in der deutschen Nachkriegsliteratur ein Beispiel nennen sollte für historisch bewusste, engagierte Dichtung, wer anders würde einem zuerst einfallen als Martin Walser?».

Der Rowohlt Verlag würdigte: Mit Martin Walser verliere man einen seiner bedeutendsten Autoren, der als Schriftsteller und Homo politicus über Jahrzehnte die deutsche Kultur geprägt habe. «Sein vielgestaltiges und sprachmächtiges Werk, sein Auftreten als öffentlicher Intellektueller werden lange über seinen Tod hinaus wirken», hiess es in einer Mitteilung.

Kontroverser Zeitgenosse

Walsers Werke handelten oft von scheiternden Durchschnittsbürgern, die der Autor ebenso liebevoll wie schonungslos unter die Lupe nahm. Doch der Schriftsteller bleibt nicht nur als begnadeter Erzähler und Sprachvirtuose in Erinnerung. Walser bezog oft Stellung zu aktuellen Debatten - und eckte mehrfach heftig an. 1998 kritisierte Walser bei seiner Rede zur Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels in der Frankfurter Paulskirche unter anderem die «Instrumentalisierung von Auschwitz». Heftige und empörte Reaktionen waren die Folge.

Im vergangenen Jahr appellierte er mit weiteren Prominenten wie der Feministin Alice Schwarzer im Zusammenhang mit Russlands Krieg gegen die Ukraine in einem Brief an Bundeskanzler Olaf Scholz, Deutschland sollte weder direkt noch indirekt schwere Waffen an die Ukraine liefern. Walser gehörte zu den streitbarsten Autoren der Nachkriegsliteratur.

Legendäre Fehde

Im Februar 2015 brachte der Schriftsteller gemeinsam mit dem Professor für Neuere deutsche Literatur an der Universität Wuppertal, Andreas Meier, die Anthologie «Unser Auschwitz» heraus, die seine lebenslange Auseinandersetzung mit dem Thema dokumentieren sollte. Kritiker sprachen daraufhin von einer Bekehrung und gar dem Versuch einer Rehabilitation. «Ich finde das absurd», wies Walser das zurück. «Entschuldigung, Rehabilitation, was heisst denn das? Das heisst, irgendein Verbrecher muss rehabilitiert werden. Da sieht man den leichtfertigen Umgang mit Fremdwörtern.»

Sein 2002 veröffentlichter Roman «Tod eines Kritikers» sorgte ebenfalls für grosse Kontroversen. Viele Kritiker meinten, in dem Protagonisten des Werkes den Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki zu erkennen. «FAZ»-Herausgeber Frank Schirrmacher wertete das als Abrechnung mit dem Literaturbetrieb gedachte Buch damals als «Exekution» Reich-Ranickis. In der Folge kam es auch zum Streit Walsers mit seinem langjährigen Verlag Suhrkamp. 2004 wechselte er zu Rowohlt.

Zunehmend fragmentarisch

Walser kannte aber auch die stilleren Töne. In einem Interview mit dem Magazin bref sagte er: «Der leise Walser war immer da. Und auch mein Interesse am Religiösen. In meinem Buch ‹Mein Jenseits› geht es zum Beispiel um die Rettung des Heiligen in einer unheiligen Welt.»

Walser publizierte bis ins hohe Alter, zuletzt waren seine Texte zunehmend fragmentarisch. Er betonte, er habe gar keine Existenzwahrnehmung ausser als Schreibender: «Ausserhalb meines Schreibens gibt es mich nicht. Ich schreibe, also bin ich.» (sda/dpa/no)