Dichter einer verlorenen Generation

Er starb mit nur 26 Jahren, doch seine Werke berühren noch heute durch ihre existentielle Kraft: Vor hundert Jahren wurde der Schriftsteller Wolfgang Borchert geboren.

Seine Kurzgeschichten, die von den Grauen des Krieges und der Nachkriegszeit erzählen, sind noch heute Schullektüre: Der Dichter Wolfgang Borchert auf einer undatierten Aufnahme. (Bild: Keystone)

Innerhalb von zwei Jahren schuf Wolfgang Borchert (1921-1947) sein Lebenswerk. Dutzende von Kurzgeschichten und Gedichten entstanden direkt nach dem Zweiten Weltkrieg – er schrieb  sie halb aufrecht sitzend im Krankenbett. Sein Stil prägte eine Generation von Nachkriegs-Schriftstellern. Am bekanntesten wurde sein Drama «Draussen vor der Tür»: Ein Kriegsheimkehrer muss ernüchtert feststellen, dass es für ihn keinen Platz in der Nachkriegsgesellschaft gibt, und fragt vergeblich nach Schuld und Sinn.

Borcherts Texte, schrieb Heinrich Böll, hätten das ausgedrückt, was die Toten des Krieges nicht mehr sagen konnten. Vor 100 Jahren, am 20. Mai 1921, wurde Wolfgang Borchert in Hamburg geboren.

Ein Pazifist im Krieg

Der Vater war Volksschullehrer, die Mutter schrieb plattdeutsche Geschichten für Heimatzeitschriften. Borcherts Leistungen in der Schule waren mittelmässig, er liebte das Komödiantische und muckte auf gegen kleinbürgerliches Spiessertum. Begeistert erlebte er im Thalia-Theater Gustav Gründgens. Auf Wunsch des Vaters begann er im Frühjahr 1939 eine Buchhändlerlehre, doch heimlich nahm er Schauspielunterricht.

Im April 1940 wurde Borchert zum ersten Mal von der Gestapo verhaftet. Man unterstellte ihm homosexuelle Neigungen zu einem gewissen «Rieke», doch er hatte einem Freund nur von seiner Liebe zu dem Dichter Rainer Maria Rilke (1875-1926) geschrieben – ein Lesefehler der Gestapo.

Anfang 1941 fand Borchert eine Anstellung beim Tourneetheater «Landesbühne Osthannover» in Lüneburg, doch schon im Sommer wurde er zur Wehrmacht eingezogen. Bei den Panzergrenadieren begann sein Alptraum, von dem er sich nie wieder erholte. Er hasste den Drill und den Kasernenhofton. «Die brutal aufgezwungene Welt des Zwanges tötet alles Schöne, alle Kunst in mir», schrieb er nach Hause: «Es ist kaum zu ertragen.»

Seine Heimatstadt wurde von Bomben zerstört

Borchert wurde im Winter 1941 an die Ostfront verlegt und erlebte in Russland das Grauen des Krieges. Kurzgeschichten wie «Der viele, viele Schnee», «Jesus macht nicht mehr mit» oder «An diesem Dienstag» erzählen davon. Er zog sich Erfrierungen zu und verlor durch eine Schussverletzung einen Finger der linken Hand. Man warf ihm Selbstverstümmelung vor, danach auch seine kritischen Äusserungen. Nach langen Monaten Haft wurde die Todesstrafe in «Frontbewährung» umgewandelt.

Neue Erfrierungen und Anfälle von Gelbsucht folgten. Anfang 1943 lag Borchert im Seuchenlazarett von Smolensk, im Herbst gewährte man ihm Heimaturlaub. Hamburg erkannte er kaum wieder: Im Sommer 1943 hatten Bombenangriffe und ein Feuersturm weite Teile des Stadtgebietes völlig zerstört. Dennoch suchte er erneut den Kontakt zu Künstlerfreunden, trat als Kabarettist im «Bronzekeller» auf.

600 Kilometer zu Fuss nachhause

Die Folgen der verheerenden Luftangriffe machte er später zu einer Geschichte über einen fiktiven kanadischen Fliegerfeldwebel namens Bill Brook. Der kommt nach dem Krieg in die Stadt und findet im zerschossenen Hauptbahnhof das Emailleschild eines Zugzielanzeigers mit der Aufschrift «Billbrook». Diesen Stadtteil, der so heisst wie er, will der Kanadier unbedingt sehen. Zu Fuss macht er sich auf den Weg und findet – nichts. Einöde, zerbröselte Steine, Schutthaufen, krumme Laternenpfähle: «Drei Stunden links. Drei Stunden rechts. Dahin und rückwärts auch: Alles kaputt.»

Wegen eines Goebbels-Witzes wurde Borchert Ende 1943 denunziert und erneut verhaftet. Das Jahr 1944 verbrachte er weitgehend in Berliner Gestapo-Gefängnissen. Im Frühjahr 1945 war der Krieg dann für ihn zu Ende. Bei Frankfurt am Main geriet er in französische Gefangenschaft, konnte aber fliehen. Zu Fuss schleppte er sich 600 Kilometer weit in Richtung Norden.

Ein Geniestreich in acht Tagen

Am 10. Mai kam er in Hamburg an, als schwer kranker und restlos erschöpfter Mann. Doch mit unbändigem Lebenswillen engagierte er sich wieder in der Kabarett- und Theaterszene, war im November Mitbegründer der «Kleinen Komödie» und danach Regieassistent bei «Nathan der Weise» im Schauspielhaus. Die Premiere verpasste er im Krankenbett.

Borchert litt an einer übermässig geschwollenen Leber und ständigem Fieber. Die Ärzte gaben ihm allenfalls noch ein Jahr. Im Frühjahr 1946 kam er für Monate ins Hamburger Elisabeth-Krankenhaus und begann, unermüdlich zu schreiben: Erzählungen wie «Die Hundeblume», seine Russland-Erinnerungen und die Gedichtsammlung «Laterne, Nacht und Sterne». In nur acht Tagen entstand «Draussen vor der Tür», das Drama des Kriegsheimkehrers Beckmann. Der Nordwestdeutsche Rundfunk strahlte es im Februar 1947 als Hörspiel aus.

Noch heute Schullektüre

Freunde schickten ihn zur Kur in die Schweiz. Dort, im St. Claraspital, entstand im Herbst 1947 sein berühmtes Antikriegsmanifest «Dann gibt es nur eins: Sag nein!». Am 20. November, einen Tag vor der Bühnen-Premiere von «Draussen vor der Tür» in den Hamburger Kammerspielen, starb Wolfgang Borchert in Basel. Er wurde nur 26 Jahre alt. Seine Urne wurde nach Hamburg überführt und im Februar 1948 auf dem Ohlsdorfer Friedhof beigesetzt.

Borchert-Texte wie «Nachts schlafen die Ratten doch», «Die Kirschen» und «Das Brot» sind noch heute Schullektüre. Manche Kritiker mokierten sich über seinen plakativen, kurzatmigen Stil. Heinrich Böll allerdings lobte die Kurzgeschichten als «Musterbeispiele ihrer Gattung», weil sie nicht moralisierend erklärten, sondern erzählten, indem sie darstellten. Und Biograf Peter Rühmkorf nannte Borchert «einen ganz ausgezeichneten, stilprägenden und feinnervigen Schriftsteller». (epd)