«Man musste Jesus zuhören, das war wie ein Zwang»

Tillmann Luther ist Europameister im Stegreifreden. Letzten Samstag war er an einer Veranstaltung des Pfarramts für weltweite Kirche beider Basel. Er erklärt, warum Luther und Jesus brillante Rhetoriker waren und wann Redekunst zur Manipulation wird.

Tillmann Luther führt in Liestal BL an einer Veranstaltung des Pfarramts für weltweite Kirche in die Kunst des Redens ein.
Tillmann Luther führt in Liestal BL an einer Veranstaltung des Pfarramts für weltweite Kirche in die Kunst des Redens ein. (Bild: zvg)

Herr Luther, wer ist Ihr Lieblingsprediger?
Martin Luther King. Ich finde ihn grossartig. Er vereint alles, was einen guten Prediger ausmacht. Seine Predigten verbinden rhetorische Figuren mit Leidenschaft und gutem Inhalt.

 

Wirkt seine berühmte Rede «Ich habe einen Traum» heute nicht zu pathetisch?
Das Problem ist, dass diese Rede so bekannt ist. Sie ist verbraucht, nicht der Inhalt, aber die Formulierungen. Das geschieht mit vielen tollen Geschichten, die tausendmal erzählt wurden. Heute würde Martin Luther King es sicherlich anders angehen. Er war so sprachgewaltig, dass er bestimmt andere tolle Bilder gefunden hätte.

 

Was fasziniert Sie an der Rhetorik?
Wertvoller Inhalt, wie ihn die Kirche zu bieten hat, kommt in einer schönen Verpackung besser bei den Menschen an. Unsere Botschaft bestmöglich herüberzubringen, ist unser aller Anliegen. Mich faszinieren die Reaktionen der Menschen, die sich angesprochen fühlen, nur weil ich mir mehr Gedanken zur Verpackung gemacht habe.

 

Auf den Inhalt kommt es weniger an?
Ganz im Gegenteil. Der Inhalt ist entscheidend. Wenn ich wählen müsste, zwischen Rhetorik und Inhalt, würde ich immer den Inhalt vorziehen. Nur die Rhetorik zu wählen, wäre Manipulation, Schaumschlägerei. Das trägt nicht. Die Rhetorik ist eine Hilfswissenschaft, die uns dient und hilft. Der Inhalt ist das Entscheidende, das kann man nicht oft genug betonen.

 

Wie wichtig ist dabei die Glaubwürdigkeit einer Person?
Sehr wichtig. Die Leute beobachten und prüfen einen. Auch hier gilt, man kann noch so ein toller Redner sein, entscheidend ist die Glaubwürdigkeit. Die Zuhörerinnen und Zuhörer sind sensibel, sie beobachten, wie man mit den Leuten vor dem Auftritt und danach umgeht. Sie nehmen das Ganze wahr, nicht nur einen Flash. Ich finde es richtig, dass ich das, was ich als Prediger sage, im Alltag lebe. Ich besuchte vor ein paar Tagen das Flüchtlingsheim in Visp. Der Leiter erklärte mir, ich sei seit Jahren der erste Pfarrer, der vorbeischaue. Viele reden über Flüchtlinge, beklagen, wie schlecht es ihnen geht, und beten für sie. Selten jedoch sucht jemand den Kontakt zu ihnen.

 

Gerade Politiker wenden die Rhetorik oft dazu an, Sachverhalte zu verhüllen und schwierige Wahrheiten zu verschweigen. Wo endet die Rhetorik und wo beginnt die Lüge?
Da, wo Rhetorik manipulativ wird. Die Grenze ist dort, wo Rhetorik die Leute nieder- und klein macht und sie zu etwas zwingt, das sie nicht wollen. Ein Politiker sagt zum Beispiel: «Nicht dass ich gegen Ausländer bin.» Geschickt verpackt er die Botschaft: «Wir sind gegen Ausländer.» In der Bibel finden wir positive Rhetorik. Sie will Gottes Reich, die frohe Botschaft, verkündigen, den Menschen Erlösung bringen und sie motivieren und aufbauen. Die Beschäftigung mit Rhetorik lehrt, gute und schlechte Rhetorik schneller zu unterscheiden und die Signale der Manipulation frühzeitig zu erkennen.

 

Hilft Ihnen Ihr rhetorisches Wissen beim Schreiben einer Predigt?
Auf jeden Fall, mittlerweile überlege ich automatisch, wo überflüssige Sätze und Füllworte sind. Ich bereite mich sehr gut vor und schreibe die Predigt nieder, halte sie aber frei. Je besser die Gliederung, der Einstieg und der Schluss sind, je mehr gute Beispiele sie enthält, umso besser kommt die Predigt an.

 

Kann man Gott herbeireden?
Jesus war ein hervorragender Rhetoriker, der alle Register zog. Er erzählte Beispiele und Gleichnisse, gebrauchte Bilder und überraschende Redewendungen. Er setzte Gedankenbrüche , so dass die Leute aufmerkten, sich hinterfragten oder aufregten. Das zeichnet einen guten Rhetoriker aus. Die Pharisäer, Schriftgelehrten und das Volk mussten Jesus zuhören, das war wie ein Zwang. Sie haben alles aufgesogen. Auch Paulus bietet Rhetorik vom Feinsten. Bei ihm gefällt mir, wie bescheiden er auftritt. Er behauptete, er könne nicht so gut reden. Aber wenn er loslegte, dann zeigte er, was er konnte. Doch ohne Gottes Geist geht nichts. Wenn ich beim Predigen frei spreche, hat Gottes Geist die Gelegenheit, mir neue Intuitionen einzugeben. Die Rhetorik hilft, das Evangelium besser hinüberzubringen. Weil Gottes Wort so kostbar ist, sollten wir ein möglichst gutes Gefäss dafür finden.

 

Die Predigt ist etwas Ur-Reformiertes. Martin Luther galt zu seiner Zeit als «Teutscher Cicero». Seine Predigten haben die deutsche Sprache verändert. Was zeichnet den Prediger Martin Luther aus?
Martin Luther stellt Jesus Christus ins Zentrum, Gottes Gnade, das ist das Entscheidende, auch in seinen starken Wortbildern und treffenden Beispielen. Luther spricht laufend über Jesus Christus, das macht ihn aus. Es geht um den Kern. Und wenn Luther mal nicht rhetorisch ist, ist er leidenschaftlich. Es braucht Leidenschaft, um die Botschaft unter die Menschen zu bringen. Einem leidenschaftlichen Prediger hören die Menschen zu, auch wenn er kein guter Rhetoriker ist. Ideal wäre, wenn alles zusammenkäme: Inhalt, Leidenschaft und gute Verpackung.

 

Würden mehr Leute in den Gottesdienst kommen, wenn es weniger langweilige Predigten gäbe?
Auf jeden Fall. Predigten sollten nicht zu lang sein. Wenn Zuhörerinnen und Zuhörer sagen, die Predigt sei ihnen zu kurz gewesen, sie hätten mehr hören wollen, dann ist das genau richtig. Ich beginne sehr früh mit der Predigtvorbereitung und gehe als Mann mehrere Tage schwanger damit. Die Leute schätzen es, wenn man gut vorbereitet ist. Je besser ich vorbereitet bin, umso besser kann ich improvisieren. Dann wird die Predigt spannend. Vielen Predigten fehlt der Bezug zur Praxis. Sie kommen mir vor wie ein halbfertiges Möbelstück, das die Werkstatt zu früh verlassen hat. Wenn ich von Montag an mit einer Predigt lebe, kann ich im Alltag sehen, ob das stimmt, was ich sage. Ich spreche die Leute an, bringe einen «Trailer» aus meiner Predigt und frage, was sie davon halten. So wird die Predigt geerdet. Unter Druck entstehen oft langweilige Predigten. Ich betreibe auch gerne Werkspionage. In den Ferien besuche ich mit meiner Frau leidenschaftlich gerne Gottesdienste.

 

Dieser Artikel stammt aus der Online-Kooperation von «reformiert.», «Interkantonaler Kirchenbote» und «ref.ch».

 

Karin Müller/kirchenbote-online.ch