«Man kann sich auch mit Theater retten»

Die Autorin Laura de Weck findet in der Kunst mehr Trost als im christlichen Glauben. Spirituell ist sie trotzdem. Und würde die Kirche gerade in der Flüchtlingskrise nicht missen wollen.

Sieht ihre Beziehung zu Gott und Kirche ziemlich entspannt: Autorin Laura de Weck. (Bild: Janine Guldener)

Frau de Weck, haben Sie Angst vor dem Tod?
Ja. Dieses Thema begleitet mich schon, seit ich ein kleines Kind war. Der Tod beschäftigt und ängstigt mich.

 

Glauben Sie denn, dass danach noch was kommt?
Daran glaube ich irgendwie, obwohl ich diesen Glauben nicht von der Kirche habe. Die Kirche hat meine Vorstellung davon, was Leben und Sterben ist, weniger geprägt als das Leben selbst. Aber ich habe die Hoffnung, dass der Mensch eine Seele besitzt, und dass diese nicht verschwindet, wenn der Mensch stirbt.

 

Wieso ist das wichtig?
Weil ich am Leben hänge. Und weil ich die Idee nicht ertrage, dass alles für immer ausgelöscht ist. Ich sehe den Sinn des Lebens im Leben selbst, aber es wäre schön, wenn das Leben auch nach dem Tod eine Rolle spielt. Diese Seele, die spürt man doch, in der  Begegnung mit Menschen.

 

Also sind Sie doch spirituell.
Ich bin spirituell, aber könnte meine Spiritualität wohl keiner Institution oder Glaubensrichtung zuordnen. Leider auch nicht der christlichen Kirche, obwohl ich es mir gewünscht hätte.

 

Sie wollten glauben?
Ich wollte sogar unbedingt an diesen Gott glauben, der mich wärmt und beschützt. Aber es hat nicht funktioniert. Gott ist auf jeden Fall nicht mit mir in Kontakt getreten, auch nicht als ich Messdienerin war. Ausserdem haben mich die Bibelgeschichten, die ich als Kind hörte, nicht getröstet, sondern gegruselt. Ich hatte immer diesen Fokus auf das Grausame, auf Herodes beispielsweise, der die ganzen Babys töten lässt. Das hat mich viel stärker beschäftigt als die Tatsache, dass ein Jesuskind geboren wird. Die Babys und deren Eltern haben mir so leid getan. Es fühlte sich für mich so an, als wäre Gott weder mächtig noch liebevoll.

 

Ist das Theater Ihre Religion?
Ich bete die Kunst nicht an, deshalb ist sie für mich keine Religion. Ich bitte nicht um Heil, um Genesung. Ich mache aber oft die Erfahrung, dass die Kunst mich tröstet. Theater fängt mich in schweren Momenten auf. Abgesehen davon ist das Theater der Kirche in manchen Dingen gar nicht so unähnlich.

 

Wie meinen Sie das?
Ich meine das strukturell. Die Theater haben Probleme, ihre Ränge zu füllen. Die Jungen interessieren sich nicht mehr. Treu ergeben sind vor allem noch ältere Leute. In Zürich ist gerade eine Debatte entfacht worden, wie viele Theaterhäuser sich die Stadt überhaupt noch leisten will. Das ist bei der Kirche ähnlich. Der Glaube und die Kultur verlieren an Bezug zur realen Gesellschaft. Das Theater beschäftigt sich zu wenig mit der Gegenwart. Den gleichen Fehler macht auch die Kirche. Dahinter steckt die Angst, die treuen Schafe zu verlieren.

 

Schafft sich Kirche noch schneller ab als gedacht?
Noch hat die Kirche ein wichtiges Alleinstellungsmerkmal: Sie gibt den Menschen einen Ort, wo sie ihre Liebe besiegeln, den Tod verarbeiten, und die Geburt eines Menschen feiern können. Sie bietet die Rituale und den Kirchenraum. Ich als Theatermensch bin ein Fan von performativen Ritualen.

 

Warum?
Weil sie dem Menschen nicht nur einen Raum zum Trauern und Feiern gibt, sondern auch zum Leben. Schauen Sie sich mal an, was die Kirche in Deutschland für die Flüchtlinge gemacht hat. Ich lebe in Hamburg, und habe direkt und unmittelbar mitbekommen, wie die Kirchen die ersten waren, die während der Flüchtlingswelle Asyl boten. Die geholfen haben, auch illegal.

 

Und für Sie?
In dieser Frage bin ich der Kirche nahe: Liebe deinen Nächsten wie dich selbst. Aber nicht zu demütig. Der andere sollte nicht zuerst kommen. Man muss sich zuerst selbst lieben, um dem Nächsten zu helfen.

 

In Ihren Kolumnen geht es um Politik und Liebe. Reicht Liebe allein als Thema nicht aus?
In meinen ersten Theaterstücken habe ich tatsächlich vor allem über Liebe geschrieben. Das Kolumnenschreiben hat mich aber politisiert. Die Form hat mich dazu gezwungen, mich mit der tagespolitischen Realität auseinanderzusetzen. Dadurch habe ich erst richtig realisiert, dass die Entscheidungen aus den Machtzentralen meine private Realität beeinflussen. Politik dringt bis in unser Intimstes vor.

 

Ist Liebe politisch?
Die Liebe zieht sich wie ein roter Faden durch unser Leben, sie ist universell. Politische Fragen sind immer auch Fragen der Liebe: Was bedeutet eine Masseneinwanderungsinitiative für Schweizer, die Ausländer lieben? Was macht Digitalisierung aus der Qualität von Beziehungen? Politische Gesetze entscheiden über die Form der Liebe.

 

Sie haben jetzt selbst Kinder. Haben Sie sie getauft?
Nein. Ich wollte meinen Kindern gern den Segen einer grösseren Macht mit auf den Weg geben, kann aber nicht hinter den gepredigten Werten der katholischen Kirche stehen. Ich würde mir vorkommen wie eine Verräterin an meinen eigenen Prinzipien.

 

Wie haben Sie dieses Dilemma gelöst?
Eine gläubige Katholikin meinte mal zu mir: Taufe sie doch selbst! Leere den Kindern in der Badewanne ein bisschen Wasser über ihren Kopf. Es ist vielleicht empörend für die Institution Kirche, weil ihr die Hoheit darüber abgesprochen wird. Aber für mich selbst macht es sehr viel Sinn.

 

Jesu Segen in der Badewanne?
Ich habe sie nicht im Namen von Jesus Christus gesegnet, sondern im Namen der Kunst. Ich möchte meinen Kindern beibringen, dass sie in schweren Stunden immer Halt und Trost in der Kunst finden. Ich glaube, dass ein Hauptzweck der Religion genau das ist: Antworten zu finden, auf Trauer und Unsicherheit. Man kann sich auch mit Theater retten.

 

Dieser Artikel stammt aus der Online-Kooperation von «reformiert.», «Interkantonaler Kirchenbote» und «ref.ch».
Anna Miller / Kirchenbote