Lest Bücher! Neue Fachbücher zu Theologie und Religion

Zwei Bücher, ein Thema: Die Professoren Hans Joas und Ulrich Körtner stören sich an der hochmoralischen Attitüde der Kirchen. Sie kritisieren die ethische Monokultur. Theologische Fachbuch-Tipps von bref, dem Magazin der Reformierten.

Schluss mit den moralischen Appellen der Kirchen, das ist der Abstract zweier Bücher, die sich mit theologischer Ethik befassen. Die Autoren Hans Joas und Ulrich Körtner denken darin breit über eine zeitgenössische theologische Ethik nach, im Fokus stehen die Äusserungen der Kirchen zur Flüchtlingsfrage.

Weder Kirchenstürmer noch Rechtsaussen

Joas und Körtner, beide Professoren an theologischen Fakultäten und weder Kirchenstürmer noch Rechtsaussen, tun sich in ihren Publikationen schwer damit, in den ökumenischen Chor der theologischen Willkommenskultur einzustimmen. Die hochmoralische Attitüde der deutschen Kirchen in der Flüchtlingsfrage lehnen sie ab. Dies mag erstaunen, scheint es in der Flüchtlingsfrage nur eine christliche Position zu geben: Jesus war auf der Seite der Unterdrückten. Wer Schutz braucht, muss ihn erhalten. Dies ist etwas verkürzt die Argumentationslinie der Kirchen in Deutschland, seit im Spätherbst 2015 die Grenze für eine Million Flüchtlinge geöffnet wurde.

Beide Autoren halten es für theologisch bedenklich, das Gebot der Nächstenliebe zur staatspolitischen Maxime zu machen. Zu viel Gesinnung und zu wenig Verantwortung, meint Körtner in Für die Vernunft, der Staat sei nicht der barmherzige Samariter. Hans Joas setzt diese Argumentation in den Schlussakkord seines Buches Kirche als Moralagentur?: Die Kirchen sollen nicht moralische, sprich einschränkende Statements zur Flüchtlingsfrage, aber auch nicht zur Sterbehilfe oder Bioethik abgeben, sondern leidenschaftlich-missionarisch in einem säkularen Zeitalter «den Glauben als Option» anbieten.

Diesen Steilpass nimmt wiederum Körtner in seinem Buch auf. Darin diagnostiziert er einen Mangel an Vernunft und ein Zuviel an Emotion in Kirche und Politik. Als Gegenmittel verschreibt Körtner die theologische Vernunft «als vom Glauben in Gebrauch genommene Vernunft». Der Autor entwickelt dabei seine Position aus der reformatorischen Tradition heraus. Luther folgend, fordert Körtner, zwischen Gesetz und Evangelium zu unterscheiden. Die Kirchen sollen etwa nicht verkünden, was bei den vorgeburtlichen Untersuchungen erlaubt oder verboten sein soll (Gesetz). Vielmehr sei es die Aufgabe der Kirchen, die ethischen Konflikte aufzuzeigen, die hinter der Pränataldiagnostik stehen (Evangelium). Was Körtner nicht bedenkt oder einfach weglässt: wie angesichts des Bedeutungsverlusts der Kirchen und der Theologie die theologische Vernunft in einem säkularen Diskurs relevant werden soll.

Konflikte innerhalb der Kirche

Den Kirchen wird heute die Rolle zugeschrieben, die Gesellschaft durch das Vermitteln von Werten zusammenzuhalten. Nach Hans Joas sei dies unmöglich. Das Argument der Wertevermittlung diene lediglich dazu, die staatliche Sonderbehandlung der Kirchen zu legitimieren. In der Folge meinen die Kirchen jedoch, zu allen ethischen Fragen eine Stellungnahme abgeben zu müssen. Nach Joas sind solche Stellungsbezüge nach aussen wirkungslos, schüren aber Konflikte innerhalb der Kirche. Jene Kirchenmitglieder reagieren mit Empörung, deren Werte den Statements der Kirchen widersprechen. Bei der Lektüre von Körtner und Joas erstaunt es, dass beide nur am Rand die Diakonie, also das konkrete Helfen, streifen. Denn in der Diakonie treffen die Radikalität Jesu und sein Einsatz für die Marginalisierten mit der von Körtner vermissten Verantwortungsethik zusammen. Wenn ethische Stellungnahmen irgendeine gesellschaftliche Relevanz haben sollen, müssen die Kirchen heute zuerst ein überzeugendes Engagement im Sozialen vorweisen.

Joas’ und Körtners Publikationen lesen sich leicht und sind auch bei der Anzahl Seiten nicht ausufernd. Was auffällt: Beide Bücher ähneln sich im Duktus. Dabei erinnern sie an ein Gespräch während eines Spaziergangs, bei dem viel Kluges und Interessantes besprochen wird. Dass dabei die Wegführung stellenweise in Vergessenheit gerät, darüber mag man hinwegsehen.


Ulrich H. J. Körtner: Für die Vernunft. Wider Moralisierung und Emotionalisierung in Politik und Kirche. Evangelische Verlagsanstalt, Leipzig 2017; 176 Seiten; 22 Franken.

Hans Joas: Kirche als Moralagentur? Kösel, München 2016; 112 Seiten; 17 Franken.


Der Rezensent Dominik Schenker ist Theologe und Sozialwissenschaftler. Er arbeitet an der Fachhochschule für Soziale Arbeit FHNW in Olten.

Die Rezension ist erstmals in bref erschienen, dem Magazin der Reformierten. Es kann hier abonniert werden.