Kirchen schaffen gesellschaftlichen Mehrwert

50 Millionen Franken erhalten die Zürcher Landeskirchen pro Jahr vom Kanton. Wird die Freiwilligenarbeit mitberechnet, erbringen die Kirchen gemäss einer neuen Studie Leistungen von 62 Millionen Franken.

Stellten die Kirchenstudie vor: Regierungsrätin Jaqueline Fehr, Professor Thomas Widmer und Kirchenratspräsident Michel Müller. (Bild: Delf Bucher)

Schon der repräsentative Raum an der Uni sowie die Anwesenheit von Regierungsrätin Jacqueline Fehr bei der Präsentation der Kirchenstudie an der Universität Zürich zeigt: Trotz der gesetzlich verankerten Trennung von Staat und Kirche bestehen gewisse Privilegien für die Landeskirchen fort. Das grösste Privileg ist der Staatsbeitrag von 50 Millionen Franken. Den Löwenanteil erhalten die Reformierten und die römisch-katholische Kirche. Da dies in einer säkularen Gesellschaft auch einige Diskussionen nach sich zieht, haben die Landeskirchen zusammen mit dem Kanton eine Studie in Auftrag gegeben. Ihr Ziel: Die soziale und kulturelle Angebotspalette wie Mittagstische, Jugendarbeit, Arbeitslosenberatung,Krabbelgruppen und Konzerte unter die Lupe zu nehmen und dabei abzuklären, inwieweit die Kirchen gesellschaftlich bedeutsame Leistungen erbringen.

Kirche rechtfertigt Staatsbeitrag

Ganz knapp fasst das Ergebnis Benno Schnüriger, synodaler Ratspräsident der römisch-katholischen Körperschaft zusammen: «Die Kirchen sind ihr Geld wert!» In dieselbe Kerbe schlägt auch der reformierte Kirchenratspräsident Michel Müller. Auch er freut sich über den «wissenschaftlich begründeten Befund, dass die Kirchen viel mehr im Interesse der ganzen Gesellschaft leisten, als ihnen durch Staatsverträge und Firmensteuern vergütet wird.» Dank der systematischen Studie sei nun der kirchliche Standpunkt erhärtet, dass die Kirche weit über ihre Mitglieder hinaus gesellschaftlichen Mehrwert schaffe. «Über diese Objektivität sind wir froh», so Müller.

Das Plus der Freiwilligenarbeit

Es war eine bürokratische Herkulesarbeit für das Team um Professor Thomas Widmer, die Studie zu erstellen. Widmer jonglierte denn auch bei seiner Präsentation mit vielen Zahlen. Untersucht worden sind 86’366 kirchliche Angebote – auf reformierter Seite 55’702 Angebote, auf römisch-katholischer Seite 30’574. 1,9 Millionen Arbeitsstunden von Freiwilligen haben die Forscher des Instituts für Politikwissenschaft zusammenaddiert. Anschliessend wurden die Tätigkeiten sowie die geleistete Freiwilligenarbeit monetarisiert. Ausserdem beurteilten in einer telefonisch standardisierten Befragung 1’200 Personen sowie 129 Gemeindeschreiberinnen und Gemeindeschreiber die Angebote der Kirchen. Das Ergebnis streicht eindrucksvoll die Bedeutung der Kirchen für die Zürcher Bevölkerung heraus: Mit ihren in Geldwert umgerechneten Leistungen von 62 Millionen Franken schaffen die Kirchen mehr Gegenwert, als der Kanton ihnen mit 50 Millionen bezahlt. Umgerechnet auf die Zahlen der reformierten Kirche heisst das: Dem kantonalen Kostenbeitrag von 26,8 Millionen Franken stehen mit den hochgerechneten Leistungen der Freiwilligen 35,4 Millionen gegenüber.

Auch Jacqueline Fehr ist erfreut über das Resultat. Das stärke sie im Jahr 2018, für die nächste Finanzperiode 2020 bis 2025 weiterhin einen Jahresbeitrag des Kantons von 50 Millionen vorzuschlagen. Die Regierungsrätin betont: «Es ist wichtig zu wissen, dass die Beiträge, die der Kanton Zürich den Kirchen schon bisher zukommen lässt, gerechtfertigt sind.»

Soziales Engagement beliebt

Was bei der Befragung der Bevölkerung sowie der Gemeindeschreiber auffällt: Vor allem das soziale Engagement der Kirche wird geschätzt. Politische Statements und Diskussionsbeiträge von Kirchenvertretern schneiden dagegen eher negativ ab.

Wenn Michel Müller auch über die objektive Grundlage der Studie erfreut ist, kritisiert er doch die starke Betonung nichtkultischer Leistungen, die mehrheitlich als gesellschaftlich bedeutsam bewertet würden. Vor allem die in der Studie vorgenommene Abgrenzung zwischen kultisch und nicht kultisch sei schwierig. Ob es sich nun um den Denkmalschutz der Kirchengebäude handelt oder um den religionspädagogischen Unterricht drängt sich laut Müller die Frage auf: Wie weit stellt nicht beides auch einen gesamtgesellschaftlichen Wert dar?

Ins selbe Horn stösst Benno Schnüriger, der sein Argument mit dem Hinweis auf die Migrantenseelsorge vorträgt. Wenn hier auch ausschliesslich katholische Migrantinnen und Migranten angesprochen würden, sei dies ein wesentlicher Beitrag, damit die Portugiesinnen, Kroaten oder Spanierinnen «Fuss fassen und heimisch werden können.»

 

Delf Bucher/reformiert.
Dieser Artikel stammt aus der Online-Kooperation von «reformiert.», «Interkantonaler Kirchenbote» und «ref.ch».