Karl Barth-Woche – Tag 1: «Barth brachte mich in eine Zwickmühle»

Karl Barth ist seit fünfzig Jahren tot. Für Jan Bauke, Theologe und stellvertretender Kommandant der Feuerwehr der Stadt Zürich, bleibt er einer der grössten protestantischen Theologen unserer Zeit.

Jan Bauke. (Bild: Ruben Hollinger)

Am 10. Dezember vor 50 Jahren starb einer der berühmtesten Theologen des 20. Jahrhunderts: der Basler Karl Barth (1886-1968). Anlässlich seines Todestages widmet sich ref.ch dem Schweizer Kirchenvater eine Woche lang – mit persönlichen Texten von Schweizer Theologinnen und Kirchenvertretern: Wie nehmen sie Barth heute wahr? Wie relevant bleibt er? 

«Das erste Mal in Kontakt mit Karl Barth kam ich als junger Theologiestudent in der Dogmatikvorlesung an der Universität Mainz. Dort wurde er natürlich oft zitiert und ich hatte selbst zahlreiche Bücher von ihm im Bücherregal, unter anderem den Kommentar zum Römerbrief von 1922.

Von da an habe ich Barth immer gerne gelesen. Denn er verwendete in seinen Texten nicht nur eine formale und wissenschaftliche Sprache, sondern eine engagierte. Hin und wieder war er polemisch, vor allem aber schrieb er sehr bildhaft. Seine Texte sind in der theologischen Literatur eigentlich so etwas wie theologische Belletristik.

Aber auch inhaltlich fand ich Barth spannend. Angesichts seines monumentalen Hauptwerks Kirchliche Dogmatik heisst es ja hin und wieder, dass Barth mehr über den lieben Gott wusste als der liebe Gott über sich selber.

Meine Sympathie zu Barth brachte mich aber auch in eine Zwickmühle. An der Uni in Zürich war ich Privatassistent von Gerhard Ebeling am Hermeneutischen Institut. Ebeling und Barth hatten das Heu bei der Auslegung der Theologie überhaupt nicht auf der gleichen Bühne.

Ich kam mir manchmal vor wie ein Enkelsohn von zwei Grossvätern, die sehr unterschiedlich sind. Und so bin kein ‹reiner› Barthianer und kein ‹reiner› Ebelingianer, sondern ein Grenzgänger zwischen Barthscher und Ebelingscher Theologie.

Das letzte Mal, dass ich mich intensiv mit Karl Barth auseinandergesetzt habe, war vor 20 Jahren während meiner Arbeit an der Universität Zürich. Natürlich beschäftige ich mich als stellvertretender Kommandant der Feuerwehr Zürich nicht mehr so ausgiebig mit Barth wie damals. Doch ich lese nach wie vor ab und zu eine Predigt von ihm. Eines meiner Lieblingsbücher von Barth ist noch heute der Römerbriefkommentar mit seinen zum Teil drastischen, paradoxen und fast schon rätselhaften Aussagen, wie zum Beispiel dieser Satz zeigt: ‹Wir können nur immer und überall, und immer und überall aufs Neue – glauben, auch glauben, dass wir glauben.›

Mir fiel beim Lesen von Artikeln zu seinem 50. Todestag auf, dass man heutzutage viel offener über Barths Privatleben schreiben und reden kann. Früher wäre es beispielsweise undenkbar gewesen, über seine Dreiecksbeziehung zu berichten. Dass nun auch Barth als Mensch zum Vorschein kommen kann, finde ich schön. Barth ist für mich zweifelsfrei einer der grössten protestantischen Theologen unserer Zeit. Ob er der Grösste ist, lasse ich mal offen.»


Aufgezeichnet von Andreas Bättig. Lesen Sie morgen Magdalene L. Frettlöh, evangelische Theologin.


Zur Person:

Jan Bauke (54) ist studierter Theologe und stellvertretender Kommandant der Feuerwehr der Stadt Zürich.