Kurz vor sechs ist im altehrwürdigen Grossmünster alles normal, doch dann erscheint eine fast fünfzehnköpfige Kindergruppe. Da wird die Nervosität spür- und vor allem hörbar. Die Kinder müssen am Sonntag genau wissen, wann sie wo stehen. Geduldig aber bestimmt werden sie von Regisseurin Karin Praxmarer und der Fernsehbeauftragten Pascale Huber instruiert. Die Kinder haben für den Gottesdienst Bilder gemalt, die sie schon stolz mit sich herum tragen. Weil ihre Konzentration naturgemäss schnell nachlässt, werden sie zwischendurch zur Ordnung ermahnt. Nach einer knappen Stunde geht dann alles aber «wunderbar» und es werden noch letzte Fragen der Kinder geklärt. Ein Junge möchte gern wissen, was passiert, wenn er niesen muss. Nicht so schlimm, das passiere auch Erwachsenen zwischendurch, erklärt die Regisseurin Karin. Auch die Kleiderfrage wird geklärt: Die Kinder dürfen tragen, was ihnen gefällt, doch sollten sie von Kleidung mit Werbeaufdrucken absehen, das gäbe Ärger mit dem Fernsehen.
Gross, grösser, TV-Gottesdienst
In der Zwischenzeit sind fast alle Beteiligten vollständig versammelt. Es sind viele. Gestaltet wird der Gottesdienst von Pfarrer Christoph Sigrist, Lektoren, den bereits erwähnten Kindern, Jugendlichen des Jugendtreffs, Musikern an Orgel und Hackbrett, dem Kantor, dem Kirchenchor und dem Sigrist. Wenn am Wochenende noch das Produktionsteam der Fernsehsender dazugerechnet wird, werden etwa 90 Personen beteiligt sein. Nicht jeder TV-Gottesdienst ist so aufwendig, aber da bei dieser Produktion statt der üblichen 40 000 Zuschauer über 800 000 Zuschauer erwartet werden, ist der Anspruch noch höher als sonst. Der reformierte TV-Gottesdienst ist für einmal ein Exportprodukt.
Timing ist alles
Eigentlich wird an diesem Abend ein normaler Gottesdienst geprobt. Der Inhalt muss stimmen, der Ablauf soll sitzen. Doch weil für das Fernsehen produziert wird, muss der Inhalt zusätzlich abgestimmt werden und das Timing perfekt sein. Im Drehbuch ist auf die Sekunde festgehalten, wer wann was wo sagt. In den vergangenen Monaten wurde an den Texten und Abläufen gefeilt, weil einerseits die Fernsehdramaturgie und andererseits die Kenntnisse des erweiterten Zuschauerkreises berücksichtigt werden müssen. Darum ist die Heimat des Reformators Zwingli nicht einfach das Toggenburg, sondern explizit das «Toggenburg in der Ostschweiz». So hält es das Drehbuch fest. An der Probe verwenden die Beteiligten die sechste Version des Drehbuchs. Für den Sonntag wird die siebte und finale Version verfasst.
Gute Zusammenarbeit, auf Zwinglish: «Teamwork»
Obwohl es nur noch wenige Tage bis zum Gottesdienst sind, ist die Stimmung bei der kalten Probe (kalt ist es in der Kirche dank dem Winterwetter tatsächlich) gelassen. Das Team des Grossmünsters ist eingespielt und hat zum Teil schon Erfahrung mit Fernsehauftritten. Diese Routine lässt Raum für Sprüche und Gelächter. Der Organist, der an seiner Orgel etwas abseits vom Geschehen ist, weiss genau, wann er dem Pfarrer mit der Orgel ins Wort fallen kann. Wenn der Chorleiter vom Organisten eine andere Tonart will, schickt er kurzerhand eine Brieftaube, also eine der Sopranistinnen, hoch. Dies sind gute Voraussetzungen für die «lauwarme Probe» am Abend vor der Übertragung, wenn die Kameras für den Live-Gottesdienst positioniert und letzte Instruktionen erteilt werden.