«Jedes Ratsmitglied hat seine eigene Meinung»

In einem Zeitungsinterview hatte sich der Ratspräsident des Kirchenbundes, Gottfried Locher, vergangene Woche überraschend deutlich für die «Ehe für alle» ausgesprochen. Die Meinungsbildung im Rat werde dadurch aber nicht beeinflusst, sagt nun Ratsmitglied Sabine Brändlin.


Der Rat des Schweizerischen Evangelischen Kirchenbundes (SEK) hatte bei der Frage einer «Ehe für alle» lange Zurückhaltung geübt. Umso überraschender kam die Stellungnahme des Ratspräsidenten Gottfried Locher in einem Interview mit dem Tagesanzeiger vom 15. August.

Locher sagte darin, er befürworte die Öffnung der Ehe für Homosexuelle, da Homosexualität dem Schöpfungswillen Gottes entspreche. Zugleich betonte er, dass dies seine persönliche Haltung sei und er dem Meinungsbildungsprozess in den reformierten Kirchen nicht vorgreifen wolle (ref.ch berichtete).

Entscheidung ist notwendig

In einem Interview mit dem welschen Portal protestinfo.ch vom 20. August begrüsst Sabine Brändlin, Mitglied der SEK-Exekutive, nun Lochers Vorgehen. Es sei Aufgabe des Ratspräsidenten, sich zu aktuellen Themen zu äussern, sagte sie. Auch greife Lochers Stellungnahme den Prozessen im Rat in keiner Weise vor. «Jedes Mitglied hat seine eigene Meinung, und die ist bei diesem Thema manchmal sehr entschieden.»

Auf Lochers Erklärung habe es unterschiedliche Reaktionen gegeben, so Brändlin weiter. Es sei wichtig, alle diese Positionen anzuhören und zu respektieren. Trotzdem müsse die reformierte Kirche bei der Frage nach einer «Ehe für alle» zu einer Entscheidung finden. «Wir können ein Paar nicht ‹nur ein wenig trauen›. Wir müssen entscheiden, ob wir das wollen oder nicht», so Brändlin.

Bibel nicht wörtlich nehmen

Bei der Entscheidfindung sei es wichtig, dass die reformierte Kirche Antworten im Dialog mit der Bibel und der eigenen Tradition suche. Es sei aber falsch, einzelne Sätze aus der Bibel zum Gesetz zu erheben. «Wir dürfen die Bibel nicht wörtlich nehmen, sondern müssen sie ernst nehmen», sagte Brändlin. Die grundlegenden Aussagen sprächen für eine Öffnung der Ehe für Homosexuelle.

Im Juli hatte der Rat die Frage nach einer «Ehe für alle» noch offen gelassen. Bis Ende August will er sich nun positionieren. Die Debatte in der Abgeordnetenversammlung findet dann voraussichtlich am 4. November statt. (no)