In Schwarz für eine bunte Zukunft

Vor 70 Jahren wurde der Weltkirchenrat gegründet. Seit 2013 steht ihm mit Agnes Abuom erstmals eine Frau vor. Altes Denken hält sie nicht auf.

Statt auf alte Strukturen setzt Agnes Abuom auf die Zukunft – und nimmt auch vor dem Papst kein Blatt vor den Mund. (Bild: Keystone)

Michelle Obama tat es, Angela Merkel auch und Agnes Abuom ebenso: In Anwesenheit des Papstes trugen die drei Frauen Schwarz. Doch während bei Obama und Merkel der Grund für die Farbwahl die besondere Ehrerweisung an das Oberhaupt der katholischen Kirche war, hatte Abuom – die ranghöchste Frau im Ökumenischen Rat der Kirchen (ÖRK) – einen anderen Gedanken: Der Besuch des Papstes im Juni beim Weltkirchenrat in Genf fiel auf einen Donnerstag. Und «Donnerstags in Schwarz» ist eine ÖRK-Kampagne als Zeichen für Frauensolidarität.

Erste Frau und erste Afrikanerin

Papst und Publikum waren ganz Ohr, als Abuom von ihrem Redetext abwich, sich an den Papst wandte und mit Wut in der Stimme sagte: «Wir tragen Schwarz, weil heute Gewalt gegen Frauen und Vergewaltigung zu den grössten Sünden gehören. (…) Wir beten, dass Sie mitmachen bei unserer Bewegung, um diese Pest zu beenden, die eine Schande in der Familie der Gläubigen, den Familien und der Öffentlichkeit ist.»

Dass Abuom den Papst zum Schwarztragen bewegen wird, ist nicht anzunehmen. Aber er schüttelte ihr anschliessend lange die Hand. «Er hat mich eine mutige Frau genannt», sagte Abuom später. Die Sozialwissenschaftlerin aus Kenia ist Vorsitzende des ÖRK-Leitungsgremiums, die erste Frau und erste Afrikanerin in diesem Amt.

Christliche Einheit in weiter Ferne

Im Ökumenischen Rat der Kirchen, der auch Weltkirchenrat genannt wird, sind fast 350 Kirchen mit rund 500 Millionen Christen aus 110 Ländern vereint. Dazu gehören anglikanische, baptistische, lutherische, methodistische, reformierte, unabhängige und orthodoxe Kirchen.

Das Ziel: die Einheit der Christen. Davon ist der ÖRK aber heute weiter entfernt als bei seiner Gründung am 23. August 1948 im Amsterdam.

Ratzingers «einzige Kirche»

Zwar war nach der Ära des Reformpapstes Johannes XXIII Ende der 60er-Jahre einmal von einer Mitgliedschaft der Katholiken die Rede – aber der versöhnliche Geist verflüchtigte sich. Im Jahr 2000 zog Kardinal Joseph Ratzinger, der spätere deutsche Papst Benedikt, in der Schrift «Dominus Iesus» noch einmal klare Trennlinien zwischen «der einzigen Kirche Christi», die in der römisch-katholischen Kirche verwirklicht sei, und den anderen, meist nur «kirchlichen Gemeinschaften».

Die Katholiken arbeiten im ÖRK nur in einigen Arbeitsgruppen mit. Dass Papst Franziskus die Einladung nach Genf annahm, rechnete der ÖRK dem Oberhaupt der knapp 1,3 Milliarden Katholiken hoch an.

Zu liberal?

Auch im ÖRK selbst ist die Einheit auf eine Probe gestellt. Zwischen liberalen westlichen Kirchen, die Frauen ordinieren und Homosexualität akzeptieren, und konservativen Orthodoxen oder traditionstreuen Kirchen in Afrika vertieft sich ein Graben. Die orthodoxen Kirchen Georgiens und Bulgariens traten nach Kritik an der westlichen und liberalen Ausrichtung des ÖRK Ende der 90er-Jahre aus.

«Ein langer Weg» sei die Einheit der Christen, räumt Abuom ein, und ebenfalls die Gleichstellung von Mann und Frau in den Kirchen. Politik und Herrschaft seien eben immer eine Männerdomäne gewesen. «70 Jahre ist eine kurze Zeit, um das zu ändern.» Sie sei Optimistin, aber auch Realistin, was den Zeitrahmen angehe. «Dass ich mit Papst Franziskus auf einer Bühne stehen konnte, ist schon mal ein Anfang.»

Eine Zukunft für Menschenwürde und Umwelt

Abuom will bis zur ÖRK-Vollversammlung in Karlsruhe 2021 den Fokus auf die Jugend richten und weg vom starren Kirchengedanken. «Wir können im 21. Jahrhundert nicht in Silos sitzen, wir müssen alle Kräfte sammeln, die lebensbejahend sind.» Die Kirchen verlören in westlichen Ländern vielleicht Mitglieder. «Aber es gibt viele Menschen, die an Fairness, Menschenwürde, Gerechtigkeit glauben – diesen müssen wir die Hand entgegenstrecken.»

Sie stellt sich mehr Programmangebote in der Natur vor, etwa gegen den Klimawandel, oder Engagement für die Entwicklungsziele der Vereinten Nationen, mit Gläubigen und Nicht-Konfessionsgebundenen.

Ausserdem sollten Mitgliedskirchen junge Leute in ihren Aktivitäten auf sozialen Medien unterstützen: damit sie Rassismus und Hasstiraden lebensbejahende, positive Botschaften entgegensetzen. Der kompromisslose Kampf gegen den Rassismus der Apartheid in Südafrika ist eines der grössten Ruhmesblätter des ÖRK.