Sonja Wieland (51) ist seit kurzem Pfarrerin in den Dörfern Wintersingen und Nusshof, Baselland. Zuvor war sie Seelsorgerin in einem Sterbehospiz in San Diego. Offenheit für Unerwartetes ist ihr wichtig. Und Kung Fu kann sie auch.
Sonja Wieland vor «ihrem» Pfarrhaus. (Bilder: ref.ch/Matthias Böhni)
«Do you see the grasshopper which is at your feet?» – Noch vor kurzem zierte dieser Satz jedes ausgehende E-Mail von Pfarrerin Sonja Wieland. Stammt er aus der Bibel? Nicht ganz. Sonja Wieland erläutert ihn per Mail: «Es stammt aus dem Pilotfilm zur Serie ‚Kung Fu‘ mit David Carradine (lief vor 40 Jahren). In der Szene bedauert der junge Kung Fu-Schüler den alten Lehrer, weil er blind ist. Master Po, der Lehrer, zeigt dem Jüngel jedoch, dass man durch frei schwebende Aufmerksamkeit mehr ’sieht‘ als mit den Augen. Zur Illustration weist der Blinde den Schüler auf einen kleinen Grashüpfer hin, der die ganze Zeit unbemerkt zu Füssen des Schülers gesessen hat.»
Nun, was ist das für eine Pfarrerin, die ein Zitat eines Kung Fu-Pilotfilms in die Fusszeile ihrer Mails setzt? Auf nach Wintersingen, Baselland, wo sie lebt und arbeitet. Sie holt den Reporter im Auto am Bahnhof Sissach ab, chauffiert ihn in flotter Fahrt über einen kleinen Pass in ihre Kirchgemeinde. «Dieses Auto habe ich schon in den USA gehabt, ich war viel unterwegs, es war mein Büro und meine Kantine. Ich konnte das Dach nie aufmachen, weil sonst die Papiere herumgeflattert wären.»
Vor der Tanzlinde
In Wintersingen parkieren wir vor dem sehr stattlichen Pfarrhaus, vis-à-vis des Gasthauses zum Rössli, das aber seit einiger Zeit geschlossen ist. Es gibt eine Benzin-Zapfsäule, einen Landwirtschaftsmaschinen-Vertrieb, eine Coiffeuse. Ruhig ist es hier. Und schön. Eine Idylle im Jura. Auf einem Hügel sitzt die kleine malerische Kirche. Gleich vor dem Pfarrhaus steht die mächtige «Tanzlinde», bei der man früher über dem Stamm Bretter eingezogen und getanzt hat.
«Die Linde wurde beim Bau des Pfarrhauses gepflanzt, um 1670 herum», erzählt Sonja Wieland nicht ohne Stolz. Sie führt in das Haus, deutet auf ein Paulus-Zitat, das an der Wand in Fraktur prangt: «Bei einer Renovation hatte man Gips darauf gepappt, glücklicherweise ist er wieder weg.» Sie zeigt einen Raum, den die Kirchgemeinde für Versammlungen benutzt, sowie eine Art Rumpelkammer unterhalb der Treppe, in der sich unverhofft ein Fitnessgerät findet. «Muss vom Vorgänger stammen», schmunzelt sie.
Die Tanzlinde beim Pfarrhaus.
Im ersten Stock deutet sie auf die riesigen, weiss-braun lackierten Holzbalken an der Decke: «Zur Zeit der Reformation waren das noch Bäume hier in der Umgebung.» Auch hier ein Zitat über einer Tür: «SOLI DEO GLORIA». Und viele Bilder, sie erinnern in ihrer Farbenkraft an Werke der mexikanischen Malerin Frieda Kahlo, sowie ein Platzhalter mit der Aufschrift «Hier fehlt etwas». Im Arbeitszimmer hängt ein recht erotischer Jesus. «My sexy Jesus», lacht sie.>
Aufgewachsen ist sie bei ihrer Grossmutter in Nordfriesland. Mit zwölf kam sie nach Opfikon im Kanton Zürich, machte eine Lehre als Chemielaborantin. 1987 begann sie die Zürcher Maturitätsschule für Erwachsene, danach studierte sie in Zürich Theologie. «Ich hätte auch gerne ein naturwissenschaftliches Fach studiert. Doch ich hatte schon immer das Gefühl, ich sei im jetzigen Leben nur im Exil. Daher war mir die Theologie näher am Herzen.» Sie entscheide oft aus einer Inspiration, einem Impuls heraus, Entscheide fallen ihr zu, man nennt das auch Serendipity.
«Bei Sterbenden bekommt man Ehrlichkeit»
Nach der Ordination war sie Vikarin in Pfäffikon ZH und dann ein halbes Jahr Stellvertreterin in Embrach im Zürcher Unterland. 2001, zwei Wochen vor Nine eleven, zog sie mit ihrem Mann in die USA nach San Diego, wo sie im Sterbehospiz zu arbeiten begann. «Bei Sterbenden bekommt man Ehrlichkeit, man weiss, was man hat. Es gibt kein Lavieren, das Ego ist auf gesunde Grösse geschrumpft.» Doch nach neun Jahren wechselte das Management, die Angestellten wurden zusehends als «Verbrauchsmaterial» angesehen, Kollegen wurden depressiv. Im Februar 2013 kündigte sie und war neun Monate arbeitslos.
«San Diego und Wintersingen-Nusshof – das ist so anders, das kann man fast nicht vergleichen», erzählt sie. San Diego an der mexikanischen Grenze sei ein grosses Dorf, viel «relaxter» als in der Schweiz, aber man spüre auch den grossen Migrationsdruck aus Mexiko. «Immer wieder sterben Menschen an der Grenze, verhungert, verdurstet oder ermordet in der Wüste.»
Eingriff und Durchgriff
An einem Bügel hängt ihr Talar. «Er hat zwei Taschen: Den Eingriff, der wirklich eine Tasche ist, und den Durchgriff, der direkt zur Hosentasche geht.» Kürzlich hat sie einem Pater gesagt, einem richtigen Lefevristen, der an der Migroskasse das Portemonnaie nicht gefunden hat: «Versuchen Sie es doch mit dem Durchgriff!» Worauf sich ein amüsantes Gespräch ergeben hat und er später auch nach Wintersingen gekommen ist. Schon wieder: Serendipity.
Wintersingen: eine Idylle im Jura.
Im alten Pfarrhaus gibt es viel Platz, aber es hat auch seine Nachteile. Die Böden sind schief, im Büro rollt der Stuhl gern mal von alleine in die Mitte des Zimmers. Und die Regale müssen individuell unterlegt werden, damit sie halbwegs gerade stehen. Sie hat es hier schon zu einer kleinen Meisterschaft gebracht.>
Violetter Gürtel im Kung Fu
Sonja Wieland, die übrigens den violetten Gürtel im Kung Fu besitzt, erzählt gerne, lässt sich auch gerne unterbrechen, sie strahlt Offenheit, Wärme und Herzlichkeit aus. Sie scheint es zu geniessen, einmal selber zu erzählen, sie, die berufshalber viel zuhören und auf die Leute eingehen muss. Heute hat sie schon zwei Beerdigungen «gemacht» und war sich zuerst nicht sicher, ob sie sich noch auf dieses Gespräch einlassen soll. Beerdigungen brauchen Kraft, «ein emotionaler Aderlass», wie sie meint.
Als sie arbeitslos war, hat sie viele Mails für Pfarrstellen in der Schweiz erhalten, aber keines angeschaut. Schliesslich hat sie doch eines geöffnet – die Stelle in der Kirchgemeinde Wintersingen-Nusshof. Sie besprach sich mit ihrem Mann, bewarb sich, und seit Mai 2014 ist sie hier Pfarrerin im 60-Prozent-Pensum. «Ich habe einen Dominostein umgeworfen, sie sind alle umgefallen, und am Boden hat sich ein neues Bild ergeben.» Das Auto und alle anderen Habseligkeiten kamen in einen Container, dieser auf ein Schiff, das via Panama-Kanal nach Europa fuhr.
Kraft aus der Stille
Jetzt gestaltet sie für die 500 Reformierten der Kirchgemeinde Gottesdienste, macht Seelsorge, unterrichtet, erledigt auch Administratives, ist ihre eigene Sekretärin. Sie vernetzt die Menschen, für den Advent hat sie mit einer Yoga-Lehrerin aus dem Dorf Yoga-Kurse im Pfarrhaus geplant. Und wenn sich jemand an Yoga im Pfarrhaus stört? «Dann gehen wir halt woanders hin», lacht sie. «Mir gefällt es hier. Ich schöpfe Kraft aus der Stille, ich brauche nicht viel Ablenkung.» Allerdings weiss sie, dass sie mit ihrem Mann irgendwann in die USA zurückkehren wird. Einerseits wegen zu hoher Bodenpreise in der Schweiz, andererseits sind die Staaten unterdessen ihre Heimat geworden.
Die Zeit ist um. Wir brechen auf, sie zeigt noch «ihre» schmucke Kirche, die einen Winkelgrundriss und eine mächtige Holzdecke hat, dazu Zitate und Grabsteine an den Wänden und eine erhöhte Kanzel, die sie aber aus Prinzip nie benutzt. Sonja Wieland entlässt den Besuch schliesslich wieder am Bahnhof Sissach. Jugendliche stehen herum, plaudern, trinken Bier. Ob sie den Grashüpfer bemerken?