Hunderte Bedürftige feiern bei kirchlichen Sozialwerken

In der Weihnachtszeit leiden Obdachlose und Bedürftige oft besonders stark unter ihrer Einsamkeit. Kirchliche Sozialwerke organisieren deshalb seit Jahren Weihnachtsfeiern. Die Nachfrage ist ungebrochen gross.

An der Obdachlosenweihnacht im Hotel Marriott wurde an den verstorbenen Pfarrer Ernst Sieber erinnert. (Bild: Sozialwerk Pfarrer Sieber)

Im Zürcher Fünfsternehotel Marriott verkehren sonst wohlhabende Touristen. Am dritten Adventssonntag aber drängten sich rund 600 Obdachlose, Vereinsamte, Junkies und Alkoholiker um das reichhaltige Buffet. Zum 15. Mal kamen sie ins Marriott zur Weihnachtsfeier des So­zialwerks des in diesem Jahr verstorbenen Pfarrers Ernst Sieber. Weil Sieber fehlte, mischte sich Wehmut in die festliche Stimmung, sagt Walter von Arburg, Sprecher der Sieberwerke. Als ein Song erklang, der Sieber gewidmet war, applaudierten die Gäste. «Man spürte, wie nah ihnen der Verlust ihres Pfarrers geht.»

Weihnachten ist die Zeit der Besinnung im Kreis der Familie. Bedürftige aber sind in diesen Tagen oft einsam. In der ganzen Schweiz sind Weihnachtsfeiern kirchlicher Sozialwerke deshalb seit Jahren beliebt und werden von Hunderten sozial Benachteiligter besucht.

Gemeinschaft erfahren

Neben dem Essen im Marriott organisiert das Sieberwerk weitere Feierlichkeiten für Notleidende, etwa ein Weihnachtszmorge und eine Weihnachtsfeier in der Sunestube, dem Gassencafé des Sozialwerks. Bei den Mitarbeitenden ist dabei viel Fingerspitzengefühl gefragt. «Diese Menschen haben meist kein tragfähiges Beziehungsnetz und erfahren ihre Vereinsamung in der Adventszeit besonders erbarmungslos», sagt von Arburg. Deshalb sei es wichtig, dass sie zur Weihnacht Gemeinschaft erführen.

Auch der Verein Kirchliche Gassenarbeit Luzern lädt in seiner Gassenküche zur gemeinsamen Weihnachtsfeier ein. Die Nachfrage sei seit Jahren ungebrochen, sagt Seelsorger Franz Zemp. Erneut würden bis zu achtzig Gäste erwartet. Er weiss, dass die Menschen sich zur Weihnachtszeit ihrer Einsamkeit besonders bewusst werden: «Ich merke, dass unsere Besucher ein grösseres Bedürfnis nach Gesprächen haben», sagt er.

Schweizer an Weihnachten grosszügiger

Die Weihnachtszeit ist bei den Hilfswerken auch Hochsaison für Spenden. Die Menschen sind in der besinnlichen Jahreszeit meist grosszügiger. Aber das waren die Schweizer im vergangenen Jahr ohnehin: 1,87 Milliarden Franken spendeten sie laut der Stiftung Zewo an Schweizer Hilfswerke, so viel wie noch nie. Im Schnitt spendete damit jeder Schweizer Haushalt 300 Franken.

Im Café Yucca der Zürcher Stadtmission feiern am 25. Dezember bis zu 70 Bedürftige ein Weihnachtsessen: Gratis für sie wird ein Festbraten gekocht. Sie spüre grosse Dankbarkeit bei den Gästen, sagt Kari-Anne Mey von der Stadtmis­sion. Zugleich sei die Feier eine Gratwanderung. «An Weihnachten sind unsere Gäste besonders dünnhäutig. Wir achten deshalb darauf, dass unsere Feier festlich und gemütlich, aber nicht zu emotional wird», sagt sie. So kann Weihnachten auch für Notleidende zu einem besinn­lichen Tag werden.

Dieser Beitrag erschien erstmals in bref, dem Magazin der Reformierten.