Geburtstag

Hundert Jahre Innigkeit: über die Dichterin Erika Burkart

Die Schweizer Lyrikerin Erika Burkart wurde als einzige Frau mit dem Grossen Schillerpreis geehrt; am 8. Februar wäre sie 100 Jahre alt geworden. Nun erscheint ihr Gesamtwerk digital.

Die Natur war eines der wichtigsten Themen der Schweizer Lyrikerin Erika Burkart. (Bild: Keystone/Ayse Yavas)

Die Klimajugend müsste sie lieben: Erika Burkart hat sich mit Leib und Seele der Natur verschrieben, hat schreibend ein Leben lang gegen die menschliche Entfremdung von der Umwelt und deren Zerstörung protestiert.

«Worte sind es, die die Welt verändern. / Ein Wort ist zart an seinen Rändern, / und jeder Herzschlag mischt es neu.» So lauten die letzten Zeilen des Gedichts «Das Wort» 1967 erschienenen Band «Die weichenden Ufer».

Erika Burkart erhielt zeitlebens viele Auszeichnungen für ihr Schaffen; zuletzt 2005 den Grossen Schillerpreis für ihr Lebenswerk, den sie als einzige Frau trägt. Zu diesem Zeitpunkt galt sie als meistgelesene Dichterin im deutschen Sprachraum, ihre Bücher erreichten für Lyrik ungewöhnlich hohe Auflagen.

Der Garten im Fokus

Die Werke der Schweizer Dichterin zeigen neben ihrer inneren Welt fast ausschliesslich ihren Garten als Themenkreis und Reflexionsraum. So verdeutlicht das Gedicht «Gartenlektüre» die Haltung der immer wieder zweifelnden Gläubigen zur Schöpfung: «Ein Insekt. Seite vierzig. Es war weiss und so klein, wie ich nie zuvor /etwas gesehen hatte. / Es sass auf dem Buchstaben X, an jenem Tag las ich / kein Wort mehr.»

Buchhinweis

Die Spiritualität spielt in den Gedichten Erika Burkarts immer wieder eine wichtige Rolle. Im Buch «Im Gegenzauber. Spiritualität und Dichtung im Werk Erika Burkarts» beschäftigen sich Expertinnen und Experten aus Literatur, Theologie, Medien und Literaturwissenschaft mit dieser Seite der Lyrikerin. Mit Beiträgen u.a. von Pierre Bühler, Ernst Halter, Joanna Nowotny, Ilma Rakusa und Philipp Theisohn.

Im Gegenzauber. Spiritualität und Dichtung im Werk Erika Burkarts. Hrsg. von Ursina Sommer. Theologischer Verlag Zürich, Zürich 2022.

An erhöhter Lage, auf einem Hügel im aargauischen Freiamt, steht es noch immer, das Haus Kapf in seinem parkähnlichen Garten, eine ehemalige Residenz von Äbten, die Burkarts Vater gekauft und zum Wirtshaus umfunktioniert hatte. Der Goldschürfer und Grosswildjäger taugte allerdings nicht als Gastgeber und Ernährer einer Familie – er wurde zum Trinker und gewalttätig gegenüber seiner Familie.

Dass es damals alles andere als still war im Haus Kapf, beschreibt Erika Burkart in autobiografischen Aufzeichnungen; auch einzelne Prosawerke wie «Die Vikarin» berichten von einer wenig paradiesischen Kindheit. Dennoch stellt das Kind – insbesondere in Burkarts von der Romantik beeinflusstem Frühwerk – das Ideal des «ganzen», noch nicht entfremdeten Menschen dar, der eins ist mit der Natur.

Märchen und Literatur als Fluchtwelten

Märchen, Sagen und Literatur, von der Mutter vermittelt, boten Burkart als Kind eine Fluchtwelt, aus der die spätere Frau vielleicht nie ganz zurückgekehrt ist. Nach dem Ausscheiden aus dem Lehrberuf mit erst 30 Jahren fand Erika Burkart im Haus Kapf erneut Zuflucht bei der Literatur, diesmal der eigenen.

Ab den späten 1960er-Jahren bis zu ihrem Tod 2010 lebte sie mit ihrem zweiten Ehemann zusammen, dem 16 Jahre jüngeren Publizist Ernst Halter. Und nun, zum 100. Geburtstag der Dichterin, hat Halter Burkarts lyrisches Gesamtwerk, inklusive Überarbeitungen, auf rund 5000 Seiten digital erfasst und kommentiert sowie das Buch «Spiegelschrift. Gedichte – die grosse Auswahl» zum Druck vorbereitet.

Eine neue Sprache im späteren Werk

In diesem Band sind vor allem spätere Werke vertreten, als die Dichterin um eine neue Sprache rang, welche die Ungereimtheit der Welt, die Unzulänglichkeit des Menschen, Trennung und Tod in sich trägt. Dies schliesst auch Widersprüche mit ein, wie sie das lange Gedicht «Garten» aus dem Band «Schweigeminute» von 1988 stehen lässt: «ich bin dagewesen. Ich habe eine, / ich habe keine / Spur hinterlassen.». (sda/mos)