Himmlisches Bern: Die Kirchen laden zum Fest

Am letzten Augustwochenende gibt sich die grüne Stadt an der Aare himmlisch: Die Stadtberner Reformierten laden ein zum grossen Kirchenfest. Der Anlass steht auch im Zeichen des Strukturdialogs.

Ohne ihre Hilfe gäbe es kein Fest: die Freiwilligen.
Ohne ihre Hilfe hätte es 2014 kein Berner Kirchenfest gegeben: die Freiwilligen. (Bild: zVg/Pia Neuenschwander)

Am Freitagabend, dem 29. August, erklingen eine Viertelstunde lang die Glocken aller Stadtberner Kirchen gemeinsam. Zwischen 19.30 und 19.45 Uhr läuten helle, dunkle, stimmige oder sich reibende Töne das grosse Kirchenfest ein: Für ein Wochenende wird die grüne Stadt an der Aare zur «himmlischen Stadt». «Wenn es zum Schluss einen Wohlklang gäbe, wäre das super», meint Charlotte Gutscher, Kommunikationsverantwortliche des ersten Berner Kirchenfestes.

Die Kirche kommt zu den Leuten

Doch nicht nur hör-, auch sichtbar soll die Kirche sein. Mit Hilfe zugewandter Kirchen und Institutionen tragen die reformierten Kirchgemeinden der Stadt kirchliches Leben auf die Strasse: «Die Kirche kommt zu den Leuten», erklärt Janine Rothen, Hauptverantwortliche im Organisations- komitee des Grossanlasses.

Neben vielen Info- und Marktständen, diversen Workshops auf dem Waisenhaus-, Schmieden- und Münsterplatz stehen die Türen der Gotteshäuser von Freitag bis Sonntag weit offen: In den Innenstadtkirchen finden musikalische und besinnliche Veranstaltungen statt. Auch römisch-katholische, lutherische und christkatholische Gemeinden sind dabei: «Die Kirchen haben erkannt, dass das Fest eine Chance ist, der Öffentlichkeit zu zeigen, wie vielfältig und gesellschaftlich relevant wir sind», sagt Rothen, Mitglied des Kirchgemeinderats Nydegg.

Und diese Einsicht tut zurzeit not: «Wir möchten den Leuten zeigen: Mit der Kirchensteuer zahlt ihr mehr als nur die Pfarrerlöhne», erklärt Gutscher. Viele Menschen dächten an verstaubte Gemeindezentren und langwei- lige Predigten oder glaubten, Kirche sei nur etwas für Randständige: «Für manche ist die Kirche so etwas wie die Feuerwehr: Gut, dass es sie gibt, aber ich bin froh, wenn ich sie selbst nie brauche», fährt sie fort.

Kirche im Umbau

Der Hintergrund des himmlischen Festes ist nicht nur heiter: Es ist Teil des vom grossen Kirchenrat beschlossenen Strukturdialogs. In dem rund zweijährigen Prozess soll die Gestalt der heute aus 12 Kirchgemeinden bestehenden Gesamtkirchgemeinde reformiert werden. Zur Sanierung der Finanzen wurde beschlossen, die Liegenschaftskosten der Gesamtkirchgemeinde zu halbieren. Die Idee für das Fest, ein «öffentliches Hearing», kam von Christina aus der Au vom Zürcher Zentrum für Kirchenentwicklung, die mit Hans Strub die Projektleitung der Umstrukturierung innehat.

Alle stehen hinter dem Fest

Anfänglich stiess die Idee der Theologin aus der Au, welche 2017 zum Reformationsjubiläum den 36. Deutschen Evangelischen Kirchentag in Berlin und Wittenberg präsidiert, in Bern nicht nur auf Begeisterung. Heute steht eine Mehrzahl der Kirchgemeinden – auch die einst kritischen – aber voll hinter dem Fest.

Rothen und Gutscher sehen das Kirchenfest als Chance für die Kirchgemeinden selbst. «Jeder besucht den Gottesdienst in der eigenen Kirchgemeinde und kennt den Nachbarn kaum. Durch die Zusammenarbeit lernen sie einander kennen», so Gutscher, die seit Anfang Juli Präsidentin der Kirchgemeinde Münster ist. Angesichts der anstehenden Veränderungen sei dies von unschätzbarem Wert: «Gemeinsam ein Fest auf die Beine zu stellen hilft, sich als Partner in dem Prozess zu begreifen», fährt sie fort.

Auch die Öffentlichkeit hat die Möglichkeit, ihre Fragen und Anregungen zur Reform der Kirche einzubringen. So gibt es etwa die Strukturbar, an der Beteiligte des Gesamtprojektausschusses anwesend sind. Wer sich in ein Gespräch verwickeln lässt, bekommt einen Drink: «Wir sind offen für das, was an uns herangetragen wird.»

Wenige Wochen vor Beginn des Fests wirken die beiden Frauen entspannt, obwohl die Vorbereitungen seit letztem Winter auf Hochtouren laufen. Eine sehr kurze Anlaufzeit für einen solchen Event: «Es ist unglaublich, woran man alles denken muss, vom Kühlwagen bis zur Bewilligung», so Rothen. Jedoch zeigte sich die Stadt hilfsbereit. Die grösste Stütze, darin sind sich die beiden Frauen einig, seien aber die Freiwilligen: «Ohne ihre Hilfe läuft gar nichts.»

Kirche für die Leute

Das selbstlose Engagement und der tagtägliche Einsatz für Soziales sei denn auch ein wesentlicher Beitrag der Kirche an die Gesellschaft, so Gutscher, der am Fest sichtbar werden soll: «Ohne kirchliche Freiwilligenarbeit funktionieren viele soziale Dienste nicht.»

So endet das Kirchenfest am Sonntag stimmigerweise mit einem Gesamtgottesdienst im Berner Münster mit anschliessendem Brunch, bei dem alle etwas zum Teilen mitbringen: «Das ist Kirche», meint Rothen.