Grönland

Das Fischermädchen macht jetzt Weltpolitik

Grönland ist für Paneeraq Siegstad Munk kein Stück Land, das einfach verkauft werden kann. Die lutherische Bischöfin verteidigt ihre Heimat gegen Besitzansprüche von US-Präsident Donald Trump. Gegen Machtansprüche hat sie ein einfaches Rezept.
So leicht lässt sich die Kirche in der grönländischen Hauptstadt Nuuk nicht abreissen, sie steht unter Denkmalschutz. (Bild: Evgeniy Maloletka/ Keystone/ AP)

«Auf Facebook hatte ich gerade einmal 300 Freunde, doch plötzlich meldete sich sogar der Papst». Die Frau gegenüber spricht leise und zurückhaltend. Sie mustert den Gast aus Europa und lässt im Gespräch auch stille Momente zu.

Paneeraq Siegstad Munk ist 49-jährig, Mutter von zwei Söhnen und führt seit sechs Jahren als Bischöfin die lutherische grönländische Volkskirche: «Nach den wiederholten Drohungen des US-Präsidenten Donald Trump, Grönland wenn nötig auch mit Gewalt einzunehmen, konnte ich nicht mehr schweigen», sagt sie und erinnert sich an die frühen Tage dieses Jahres, an dem die grösste Insel der Welt um ihre Freiheit bangen musste.

In einem vielbeachteten Post auf ihrer Facebook-Seite schrieb die Theologin: «Es ist eine Frage der Menschenrechte, der Würde und der Achtung des Völkerrechts und internationaler Abkommen. Wir sind ein kleines Volk, doch wir sind nicht unsichtbar. Unsere Zukunft darf nicht ohne unsere Mitbestimmung entschieden werden. 

Unsere Sprache, Kultur, Vorfahren, Kinder und Zukunft sind hier verwurzelt. Wir sind Menschen, kein Besitz. Grönland ist kein Stück Land, das einfach gekauft werden kann. Es ist unsere Heimat und steht nicht zum Verkauf.» Innerhalb weniger Stunden erhielt der Eintrag Tausende von Reaktionen und löste eine internationale Solidaritätswelle aus.  

In jedem Dorf eine Kirche

«Normalerweise reagiert die dänische Bischofskonferenz nur sehr langsam. Es dauert oft Wochen, bis sich die Kollegen zu einer gemeinsamen Erklärung durchringen. Jetzt aber kam eine solche innerhalb weniger Stunden», sagt Bischöfin Siegstad Munk.

Sie wuchs in einem kleinen Dorf weit nördlich der grönländischen Haupstadt Nuuk auf und besuchte als erste ihrer Familie ein Gymnasium – und später auch die Universität: «Unterstützung bekamen wir auch von amerikanischen Bischöfen, dem ökumenischen Weltkirchenrat und dem Vatikan. »

Grönland ist ein eigenständiger Teil des Dänischen Königreiches und regiert sich seit 1979 weitgehend autonom. Die grönländisch lutherische Volkskirche, der über 90% der Bevölkerung angehört, war noch bis 1993 Teil des dänischen Bistums Kopenhagen.

Mehrheit der Bevölkerung Mitglied

Die evangelisch-lutherische Kirche Grönlands, der grössten Insel der Welt, verwaltet sich seit 1993 weitgehend selbst. Ihre Organisation und Finanzierung wird durch das grönländische Parlament und die Regierung geregelt.

Als echte Volkskirche gehören weit über neunzig Prozent der knapp 60’000 Grönländerinnen und Grönländer der Kirche an, die in allen Siedlungen des Landes – rund 75 – mit eigenem Personal und Lokalitäten Präsenz zeigt. Paneeraq Siegstad Munk ist die dritte Inuit und zweite Frau im Bischofsamt. (bk)

Fünfzehn Jahre später sprachen sich die Grönländerinnen und Grönlander in einer Volksabstimmung für die weitgehende Loslösung von Dänemark aus: dazu gehört auch die Kirche, die zwar seither administrativ durch die Regierung in Nuuk verwaltet und finanziert wird – aber theologisch und organisatorisch auf eigenen Beinen steht: « Das ist das Schöne an der Kirche hier. Wir sind ein Ort für alle, unabhängig von der politischen Haltung», betont Paneeraq Siegstad Munk, die im Büro am Bischofssitz in Nuuk empfängt.

An der Wand hinter ihr hängt eine Karte Grönlands, auf der eingetragen ist, wo die grönländische Kirche überall im Land präsent ist: « Uns gibt es überall dort, wo Menschen leben», betont die Bischöfin, « das ist unsere Stärke, aber auch unsere Verantwortung.»

Grönland ist ein riesiges Land, zur Fläche fünfzigmal grösser als die Schweiz, aber mit einer sehr bescheidenen Bevölkerungszahl von nur knapp 60‘000 Menschen: «Wir haben in jedem noch so kleinen Fischerdorf eine Kirche, die regelmässig von einer Pfarrerin oder einem Pfarrer besucht wird, die oder der auch das lokale Personal wie Laienpriester oder Katecheten ausbildet.»

Diese starke Präsenz und auch der Umstand, dass fast alle Einwohnerinnen und Einwohner der Volkskirche angehören, geht darauf zurück, dass es dieser gelungen ist, traditionelle Inuit-Formen mit den von ausserhalb nach Grönland gebrachten Religionsformen der lutherischen Kirche zu verbinden: «Bei uns ist im Grunde jede und jeder ein Priester. Wenn das Wetter schlecht ist und kein Pfarrer oder Katechet angereist ist, springen lokale Mitglieder der Gemeinde ein und halten die Predigt», erzählt die Bischöfin.

Auf diesem Weg hat zum Beispiel der schamanistisch geprägte grönländische Trommeltanz den Weg in grönländische Gottesdienste gefunden. Diese sind eine sehr lebendige Veranstaltung, mit laut spielenden und herumrennenden Kindern und bilden einen Ort, wo Platz ist, schwierige Themen der Gemeinschaft anzusprechen. 

«Für mich ist es wichtig, dass die Gemeinde ihre eigenen Bräuche hat, aber auch ihre eigenen Wege, Ausdrucksformen. Von hier aus übe ich die theologische Aufsicht aus, bilde aber auch weiter und gebe Anregungen, wie das umgesetzt werden kann», umschreibt Paneeraq Siegstad Munk ihre vielfältige Aufgabe. 

Liedtexte in den Gottesdiensten werden zweisprachig herausgegeben. (Bild: Bruno Kaufmann)

Bevor sie sich zur Theologin ausbildete und zur höchsten Kirchenführerin im Land gewählt wurde, war sie Bildungswissenschafterin und Übersetzerin: «Sitze ich auf meinen Reisen wegen Schlechtwetter an einem Hafen oder Flughafen fest, nutze ich die Zeit, um theologische Inhalte für Kinder und Jugendliche aufzuarbeiten», sagt sie und zeigt die vor kurzem erstmals auf Grönländisch erschienene Kinderbibel, kuratiert und aufbereitet von Paneeraq Siegstad Munk. 

«Hast du seit Kindheit Inhalte mitbekommen, hoffe ich, dass das auch Kraft gibt, den Prüfungen des Lebens zu widerstehen – es  gibt ja viele Prüfungen, in Form der Natur oder der Veränderungen in der Natur.» 

Internet ausschalten und Kuchen backen

Halt geben, Inhalte vermitteln, gesellschaftliches Engagement fördern. Die grönländische Kirche übernimmt eine wichtige Brückenbauerfunktion zwischen der lokalen Verankerung des arktischen Inuitvolkes und der zunehmenden internationalen Vernetzung des Landes. «Wir arbeiten mit anderen indigenen Gemeinschaften, etwa den Sami in Nordskandinavien, im ökumenischen Weltkirchenrat zusammen. Klimawandel und Geopolitik sind auch dort wichtige Themen», betont Paneeraq Siegstad Munk, die Tochter eines Fischers aus Nordgrönland, deren Stimme wegen der jüngsten Grönlandkrise nun auch weit über Grönland hinaus gehört wird.

Von Bischöfin Paneeraq Siegstad Munk hat Autor Bruno Kaufmann Einblicke erhalten in die lutherisch-grönländische Kirche. (Bild: Bruno Kaufmann)

Dabei scheint ihr der Spagat zwischen den alltäglichen Sorgen der Menschen vor Ort und den grossen Linien der Weltpolitik gut zu gelingen: «Wenn der Druck zu gross wird, schalte ich auch mal das Internet aus und backe Kuchen», sagt sie und fügt hinzu: «Da muss ganz konkret Butter geschmolzen werden, und ein paar Eier müssen mit Milch vermischt werden. Das entspannt und erdet.»

Für ihr Volk und das Land wünscht sich die Bischöfin eine eigenständige Zukunft als friedliches Gebiet weit ab von bewaffneten Konflikten: «Hier war noch nie Krieg und ich hoffe sehr, dass wir als Kirche und Glaubensgemeinschaft dazu beitragen können, dass das auch so bleibt». 

Redaktioneller Hinweis: In der SRF Sendung «Perspektiven» vom 14. Mai 2026 berichtet Bruno Kaufmann ebenfalls über seine Begegnung mit der grönländischen Bischöfin.

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