Theologie

Feministische Pionierarbeit geleistet

Die evangelische Theologin Else Kähler kam nach dem Krieg aus Deutschland in die Schweiz. In Zürich wurde sie zur Arbeits- und Lebenspartnerin von Marga Bührig. Das Gosteli-Archiv hat nun Kählers Nachlass erschlossen.
In den Nachkriegsjahren kam Else Kähler in die Schweiz, die zu ihrem Lebensmittelpunkt wurde. Die Fotografie stammt von Kählers Abschiedsfest auf Boldern vom 31. Mai 1983. (Bild: Gosteli-Archiv, AGoF 703-139)

Kriegskind in Kiel
Else Kähler kommt am 16. September 1917 in Kiel zur Welt. Als 12-Jährige beginnt sie, sich im «Bund christlicher Jugendvereine» zu engagieren. Als die Nationalsozialisten an die Macht kommen, wird die Organisation in den «Bund deutscher Mädel» (BDM) integriert. Kähler absolviert eine Ausbildung zur milchwirtschaftlich-technischen Assistentin und kann aus dem BDM austreten. Sie arbeitet für das Tiergesundheitsamt in Kiel, auf dem zweiten Bildungsweg holt sie zu Kriegsende 1945 das Abitur nach. 

«Für die damalige Zeit war das für junge Frauen ein äusserst ungewöhnlicher Schritt», sagt Joana Burkart. Die Historikerin arbeitet als Archivarin im Gosteli-Archiv, sie hat Kählers Nachlass erschlossen. Dabei war dieser ein Überraschungsfund, wie Burkart im Gespräch erläutert. «Ich habe den Bestand von Marga Bührig erschlossen. Dabei ist mir aufgefallen, dass sich in diesem Nachlass auch noch ein zweiter verbirgt, der zu einer anderen Person gehören muss.» Bührigs Handschrift sei eher klein und gut lesbar, jene von Kähler dagegen grösser und schwerer zu entziffern.

Burkart wusste, dass die beiden Frauen nicht nur zusammenarbeiteten, sondern auch Lebenspartnerinnen waren, daher konnte sie den Namen zuordnen. Kählers Nachlass umfasst 14 Schachteln Material, was 1,6 Laufmetern entspricht – gross genug, um einen eigenen Bestand zu eröffnen. 139 Dossiers wurden sortiert, wo notwendig, wurden Unterlagen kassiert, das heisst, dass beispielsweise doppelte Dokumente vernichtet wurden.

Studentin in Zürich
Else Kähler studiert evangelische Theologie im kriegszerstörten Kiel. Ein Stipendium ermöglicht ihr einen Auslandsaufenthalt in Zürich. Dort trifft sie 1947 ein und lernt Marga Bührig kennen. Die Frauen leben im reformierten Studentinnenhaus zusammen. 1957 schliesst Kähler ihr Studium ab und dissertiert über die «Frau in den paulinischen Briefen».

«In Else Kähler ist mir eine sehr wohlwollende Frau begegnet, die ihre Freundinnen liebevoll begleitet und unterstützt hat», sagt Burkart, «ihre grosse Menschenliebe hat mich sehr beeindruckt.» Kähler sei es geglückt, durch eine ruhige und zurückhaltende, sachliche Art im Hintergrund viel zu bewirken. «Sie war exakt und reflektiert.»

Mitgründerin von Studienzentrum
1948 entsteht in Männedorf am Zürichsee das evangelische Tagungs- und Studienzentrum Boldern. Es ist ein Pionierort an der Schnittstelle zwischen Kirche und Gesellschaft und bietet Raum für gesellschaftliche Debatten sowie die Entwicklung kirchlicher Innovationen. Gemeinsam übernehmen Marga Bührig und Else Kähler 1959 die Studienleitung von Boldern.

Kähler wird zu einer Wegbereiterin feministischer Theologie: Sie kämpft für soziale Gerechtigkeit, besonders die Gleichstellung der Geschlechter, und setzt sich, mit Marga Bührig und Elsi Arnold in einer «ménage-à-trois» lebend, für alternative Lebensformen ein.

«Sie hat sich stark auseinandergesetzt mit Beziehungsfragen oder soziologischen Themen. Aus den Unterlagen ist spürbar, was ihr wichtig war», sagt Joana Burkart. Laut der Archivarin liesse sich über Kählers Boldern-Zeit intensiv forschen. Kähler äusserte sich auch immer wieder zu damals gesellschaftlich strittigen Themen wie der Scheidung. «Sie hat gesellschaftliche Entwicklungen aufmerksam begleitet.» Bis zu ihrer Pensionierung 1983 bleibt Kähler an der Boldern.

Zeitzeuginnen aufnehmen

Das Gosteli-Archiv in Worblaufen bei Bern sammelt Quellen zur Frauengeschichte und vermittelt den Zugang einer breiten Öffentlichkeit. Im laufend wachsenden Bestand befinden sich 281 Nachlässe von Frauenorganisationen sowie 266 Privatnachlässe. Kürzlich erschlossen wurden auch Nachlässe reformierter Frauen, unter anderem von Kunigund Feldges-Oeri, Marianne Kappeler oder Dora Wegmann. Wer einen Nachlass weitergeben möchte, setzt sich direkt mit dem Gosteli-Archiv in Verbindung.

Die Archivarinnen sind grundsätzlich offen, Nachlässe entgegenzunehmen, wenn diese Quellen zur Geschichte der Schweizer Frauenbewegung sind und zum Beispiel Aufschluss geben über die Arbeit als Handarbeitslehrerin. Laut Archivarin Joana Burkart ist es für das Archiv am besten, wenn die Nachlässe bereits vorsortiert sind und möglichst viele Informationen zur Person und ihrem jeweiligen Lebenskontext enthalten. Archivbesuche sind auf Voranmeldung möglich. Für ein Aktenstudium sind teilweise Einsichtsgesuche notwendig, die vorab eingereicht und bewilligt werden müssen. (jow)

Lebenspartnerin in Binningen
Nach der Pensionierung zogen Kähler, Bührig und Arnold nach Binningen (BL), wo sie weiterhin zusammenlebten. Arnold war es auch, die dem Gosteli-Archiv die Nachlass-Unterlagen im Juni 2010 übergeben hatte, rund ein Jahr vor dem Tod Kählers am 10. Mai 2011.

Private Unterlagen, zum Beispiel private Korrespondenz der drei Frauen untereinander, ist im Nachlass laut Joana Burkart kaum enthalten. Überliefert sind Alben mit Ferienfotografien, mehr drang nicht an die Öffentlichkeit. «Es gibt gewisse Leerstellen, was eine aktive Entscheidung des Trios war.»

Einen Einblick in Kählers Alltag gewähren aber Taschenkalender. «Die erste Agenda beginnt 1934, der letzte Taschenkalender stammt aus dem Jahr 2004», sagt Burkart. Dadurch ist ersichtlich und nachvollziehbar, was Kähler an welchem Tag tat – oder zumindest ihrer Agenda nach geplant gewesen ist.

Gewisse Einträge, etwa das Sterbedatum ihrer Lebenspartnerin Marga Bührig, trug Kähler nachträglich ein, sie nutzte den Kalender auch als Notizheft und um Erinnerungen festzuhalten. «Das ist eine sehr schöne Quelle, die es erlaubt, jemanden durch das Leben zu begleiten.»

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