Game-Tipp: Trashiges Evangelium aus yogischer Sicht

Jesus Christ Super Jedi Guru Star: In «The You Testament» wird das Evangelium aus der Yoga-Sicht erzählt. Das Spiel kann trotz origineller Ansätze nicht überzeugen.

«The You Testament» ist ein Rollenspiel von Indie-Entwickler Mat Dickie. Die Spieler übernehmen die Rolle eines Suchenden, der die Ankündigung des Messias durch Johannes den Täufer am Jordan erlebt. Wer also ist dieser Messias? Um dem auf die Spur zu kommen, steuern die Spieler den Protagonisten durch eine schlichte, aber frei begehbare 3D-Welt mit zentralen biblischen Orten. Dabei handelt es sich jeweils um sehr kleine und übersichtliche Räume im Freien, wo sich mit einigen computergesteuerten Charakteren interagieren lässt. Der Spielcharakter kann laufen, Gegenstände nehmen, kämpfen, meditieren und Gespräche führen. Diese Gespräche nehmen jeweils auf eine Bibelstelle Bezug, oft nimmt der Protagonist die Rollen unterschiedlicher biblischer Charaktere an, mit denen Jesus in den Evangelien austauscht.

«Star Wars»- und «The Matrix»-Weisheiten

Im Kern besteht das Spiel aus drei Handlungen: Erstens soll der umherwandernde Jesus immer wieder aufgefunden werden, um an den verschiedenen Stationen des Evangeliums seine Lehre zu vernehmen und Übungen zu erhalten. Zweitens müssen die Werte für Körper, Seele und Geist im grünen Bereich gehalten werden, da sonst Zerstreuung, Wahnsinn und Tod erfolgen. Dies gelingt durch regelmässiges Essen, dem Vermeiden von Schlägereien sowie dem Umarmen von Menschen. Schliesslich verleihen die einzelnen Einweihungsschritte dem Protagonisten Wunderkräfte, die jeweils durch Meditations-Minispielchen freigeschaltet werden. Mit diesen Kräften lässt sich experimentieren, indem sie auf die Spielumgebung und die anderen Charaktere angewendet werden. Meditation? Wunderkräfte? Ja, denn «The You Testament» ist kein christliches Lehrspiel, sondern durch die yogische Interpretation des Evangeliums im Buch «Der Yoga Jesu» von Paramahansa Yogananda inspiriert: Der Gottessohn erscheint im Spiel als tantrischer Guru, der lehrt, wie man durch Meditation und das Leiten von Energie die Chakren und das dritte Auge öffnet – allerdings auch mit Weisheiten aus «Star Wars» und «The Matrix» garniert.

Irgendwie meschugge

Aus spielerischer Sicht ist «The You Testament» ein tragischer Fall. Es wartet mit vielen guten und teils originellen Ansätzen auf, die es sogleich zunichte macht. Ein Spiel, das belohnt, wenn man der hautnah erfahrenen Gewalt bewusst aus dem Weg geht? Löblich, nur ist die Steuerung so umständlich, dass man seine Nächsten versehentlich anpöbelt – und die halten nicht die andere Wange hin. Geist und Seele werden gestärkt, wenn man die Menschen in brüderlicher Liebe in die Arme schliesst? Originell, aber dass die Spielfigur dabei trotz Kleidung und trotz desselben Geschlechts schwanger werden kann und dafür mit einem abgestürzten «Geist»-Wert bestraft wird, ist irgendwie meschugge. Ein Spiel, das meditative Selbstentfaltung durch eine Mischung aus Lehrer-Schüler-Gesprächen, Mini-Spiel-Meditationen und God-Mode-ähnlichen Kräften bis hin zur «Matrix»-esken Auflösung der Spielwelt simuliert? Innovativ, doch der Spielspass geht über den Jordan, wenn die Handlungsanweisungen und Zielvorgaben schwer zu erkennen und noch schwerer zu deuten sind – das Spiel hat ein Kommunikationsproblem. So spannend die Idee auch ist, die Jesus-Geschichte in einem Open-World-Rollenspiel umzusetzen: Wenn «The You Testament» für einen Moment erheitern und unterhalten kann, dann weil es voll Trash ist.

 

Angaben zum Spiel

The You Testament (Mat Dickie 2008)

Sprache: Englisch

Plattformen: Windows XP/Vista7/8

Offizielle Webseite mit Gratis-Download

Keine offizielle Alterskennzeichnung: Empfehlung des Autors: Ab 14 Jahren.

 

Über den Autor

Oliver Steffen ist Religionswissenschaftler an der Universität Bern und erforscht die Zusammenhänge von Computerspielen und Religion.

Forschungswebseite: «Between God Mode and God Mood»