Die Zivilisation ist längst verflossen, die Alte Stadt zerfällt. Im Keller eines alten Industriegebäudes lebt ein Mann, allein mit seinen Visionen und seiner inneren Stimme. So beginnt «The Old City: Leviathan», eines jener Erzähl-Experimente im Stil von «Dear Esther», «The Stanley Parable» oder «Gone Home», die seit einigen Jahren die Indie-Szene spalten. Der kafkaeske Einstieg besteht im Entschluss des Protagonisten, sich aus dem trostlosen Labyrinth zu erheben und das «klare Wasser» zu suchen, die Quelle der Erkenntnis. Aus der Egoperspektive des Suchenden durchstreifen die Spieler die umkämpften, jetzt aber verlassenen Räumlichkeiten des Gebäudes, später die surrealen Landschaften des Vorortes der Alten Stadt. Die rätselhafte Geschichte des Zerfalls der Zivilisation wird durch die Umgebung erzählt, durch die Symbole an den Wänden, die Notizen von Überlebenden, sowie die philosophischen Kommentare des Protagonisten, die stets an «Leviathan» gerichtet sind, die Monster gewordene Vorstadt.
Leviathan als Motiv
Die Erzählung von «The Old City» ist von religiösen Metaphern durchwoben. Auf einer äusseren Ebene wird der Konflikt unter drei weltanschaulichen Gruppen greifbar, deren Mitglieder sich seit dem Fall gegenseitig abschlachten: die «Gilde», der «Orden» und das «Unbekannte», stellvertretend für die Spiritualität, den Atheismus und den Agnostizismus. Der Protagonist gehört indes einer vierten, nihilistischen Fraktion an, den «Minotauren», die alle Gewissheit ablehnen und die Isolation wählen. Diese Minotauren tragen biblische Namen wie Salomo, Moses und Jona – Figuren, die von Gott bevorzugt waren, sich aber dennoch gegen ihn versündigten –, ernähren sich von den Resten aus der Alten Stadt, bis sie entweder ihre sinnlose Existenz durch den Sprung ins Nichts beenden, oder, wie der Protagonist, nach der Quelle der Erkenntnis suchen. Den übergreifenden Rahmen bildet das Motiv des Leviathan, das unbezwingbare Schlangenmonster, das am Ende der Zeit von Gott bezwungen wird. In dessen Bauch findet die Reise und damit die innere Wandlung und Reinigung statt.
Das Spiel mit dem Spiel
«The Old City: Leviathan» ist kein Spiel im klassischen Sinn, sondern ein so genannter «Walking Simulator» – die simple Bedienung begrenzt sich auf die Fortbewegung des Protagonisten, es gibt keine Herausforderungen, keine Punkte, keine Siege. Im Zentrum steht die bemerkenswert offene Erzählung: Wer sich im Tempo chinesischer Touristen durch die elf Kapitel bewegt, kriegt in atmosphärischen Bildern und Klängen die religiös angehauchte äussere und innere Wandlung von Stadt und Protagonist serviert, die bestenfalls eine wohlige Verwirrung hervorkitzelt. Doch auch wer die nötige Zeit in die Lektüre der vielen Texte und in mehrere lohnenswerte Durchgänge investiert – in den diversen und verwinkelten Levels kommt tatsächlich immer wieder Neues ans Licht – wird von den Entwicklern nicht mit klaren Antworten belohnt. Und hier liegt das Problem von «The Old City»: Die philosophischen und religiösen Ansätze sind einerseits selbst bei guten Englischkenntnissen zu kryptisch, um die Spieler an der Hand zu nehmen und ihnen bedeutungsvolle Einsichten zu vermitteln, andererseits zu zentral und zu ausgefeilt, um sie als blosse Stimmungsmacher zu verstehen. «The Old City» ist ein Nicht-Spiel über das Spiel mit dem Spiel – und man muss sich für solche Verrenkungen erwärmen können, um an ihm Gefallen zu finden. Dann aber lohnt sich der Abstecher in die Alte Stadt.
Angaben zum Spiel
The Old City: Leviathan (PostMod Softworks 2014)
Sprache: Englisch
Plattformen: Windows Vista/7/8;
Offizielle Webseite
Keine offizielle Alterskennzeichnung. Empfehlung des Autors: ab 16 Jahren.
Über den Autor
Oliver Steffen ist Religionswissenschaftler an der Universität Bern und erforscht die Zusammenhänge von Computerspielen und Religion.
Forschungswebseite: «Between God Mode and God Mood»