Game-Tipp: Glockengeläut führt in die düstere Geisterwelt

Der unkonventionelle Neuzeit-Shooter «Betrayer» mixt englischen Puritanismus mit Geisterwelt-Reinigungen. Das ist zwar äusserst geheimnisvoll, überzeugt aber nur bedingt.

Im Jahr 1604 segelt ein namenloser Protagonist über den Atlantik, um an der Küste Neuenglands eine in Schwierigkeiten geratene britische Kolonie zu unterstützen. Am Zielort findet er leerstehende Forts, menschenähnliche Aschestatuen, Geister und eine geheimnisvolle Frau, die ihm aus der Ferne zu helfen scheint. In der Ego-Perspektive erkunden die Spieler die Siedlungen und Wildnis der Ostküste, kämpfen gegen Skelette, Schatten und untote Konquistadoren, tauschen an Handelsstellen gefundene Schätze gegen Waffen und Munition – und rekonstruieren die Geschichte der durch unheilige Kräfte heimgesuchten Kolonie.

 

Furcht vor indianischen Ritualen

«Betrayer» spielt in einer Welt mit zwei parallelen Existenzsphären, jene der Lebenden und jene der Toten. Wechselt der Protagonist durch das Läuten einer Glocke in die düstere Geisterwelt, wird vorher Unsichtbares sichtbar. Hier folgt der Spieler überirdischen Klängen um zu Orten tragischer Ereignisse zu gelangen, reinigt Totempfähle von Flüchen und hilft Verstorbenen, sich zu erinnern und ihren Weg in der Dunkelheit zu finden. Dies wird mit bruchstückhaften Erinnerungen an die Ereignisse in der Kolonie belohnt. Dabei wird der englische Puritanismus greifbar, durch den die Kolonisten ihr Umfeld und die sonderbaren Ereignisse begriffen hatten: So wurden indianische Rituale als Teufelswerk gefürchtet, unliebsame Mitbürgerinnen als Hexen denunziert, Selbstmörder nicht bestattet, und die rivalisierenden Spanier als häretische Feinde betrachtet. «Betrayer» legt die Existenz einer spirituellen Welt nahe, die mit der Sphäre der Lebenden wechselwirkt, und in welcher die Seelen nach Identität, Orientierung und Auflösung von erlittenem oder begangenem Unrecht suchen. Die Religionen und religiösen Moralvorstellungen der Lebenden sind bestenfalls vage Annäherungen an diese Realität, im schlimmsten Fall die Rechtfertigung für «spirituelle Tragödien», so die implizite Religionskritik.

 

Gelungenes Schleichen und Anpirschen, monotones Kämpfen

«Betrayer» will vieles sein, kann aber nicht in allen Ansätzen gleich überzeugen: Die Ego-Shooter- und Rollenspiel-Elemente sind eher schwach: Gelungen ist das Schleichen und Anpirschen unter Ausnutzung von Schatten, Büschen und natürlichen Geräuschen. Die Kämpfe hingegen sind monoton, da sich die wenigen Gegnertypen in ihrem stupiden Verhalten kaum unterscheiden. Und die in Umfang und Wirkung stark begrenzten Verbesserungen der Helden-Fertigkeiten vermögen nicht den Spass der individuellen Charakter-Entwicklung zu erzeugen. «Betrayer» funktioniert hingegen gut als Mystery-Abenteuerspiel: Für die geheimnisvolle Atmosphäre sorgt die schwarzweisse 3D-Grafik – nur wichtige Gegenstände werden rot markiert – und das Fehlen von Musik. Geräusche werden originellerweise zur Lokalisierung von Gegnern, zur Tarnung und – mit der Spielmechanik «Horchen» – für die Wegfindung eingesetzt. Eine eigentliche Erzählung gibt es nicht. Die im Tagebuch fein säuberlich gelisteten Mitteilungen und Erinnerungen werfen viele Fragen auf, und es wird dem Spieler überlassen, sie zu einer Geschichte zu verweben. Damit drücken sich die Entwickler zwar vor der Klärung der Fragen, dafür bleibt die besondere Atmosphäre auch nach dem Abspann bestehen – für eine weitere Reise in das unverbrauchte Setting der spirituellen und konfessionellen Spannungen Neuenglands.

 

Angaben zum Spiel
Betrayer (Blackpowder Games 2014)
Sprache: Englisch
Plattformen: Windows Vista/7/8
Preis: 19.99 €
Keine offizielle Alterseinstufung. Empfehlung des Autors: ab 16 Jahren
Offizielle Game-Webseite


Über den Autor
Oliver Steffen ist Doktorand am Institut für Religionswissenschaft der Universität Bern. Im Rahmen des vom Schweizerischen Nationalfonds geförderten Projekts «Between God Mode and God Mood» erforscht er die Zusammenhänge von Computerspielen und Religion.

Projekt «Between God Mode and God Mood»