Game-Tipp: Gestrandet zwischen Leben und Tod

Neurotheologie als Game: Auf der Reise durch sein Bewusstsein sucht ein Sterbender nach Versöhnung. Das Abenteuerspiel überzeugt durch stimmungsvolle Bilder und clevere Rätsel.

Menorca, Spanien: Ein Meteorologe verliert seine kleine Tochter durch einen Tornado und wird selbst schwer verletzt. Zwischen Leben und Tod schwebend erlebt er Visionen des Vorgefallenen und macht sich auf die Reise quer durch seinen Geist. Dabei erkundet er surrealistische Wüsten, Wälder, dunkle Höhlen sowie Wasser- und Eiswelten. Hier führen Treppen ins Nichts, Portale und Aquädukte stehen mitten in der Landschaft, verkrüppelte Bäume atmen Nebel, Felsplateaus schweben in der Luft. Solche Merkwürdigkeiten widerspiegeln nicht nur den emotionalen Zustand des Patienten, sondern sind Teil von Rätsel. Diese bestehen darin, leuchtende Kugeln geschickt zu setzen, damit das Wetter, die Tageszeit oder die Jahreszeit wechselt, die wiederum die Landschaft verändern und Zugang zu neuen Orten geben.

Mythologie statt Theologie

Erzählerisch besteht «Mind» aus der Introspektion eines Vaters, der sich auf die tragischen Ereignisse in seinem Leben einlässt: Der Tod seiner Tochter, derjenige seiner Schwester, das Verhältnis zu seinem Vater, sein eigenes Schicksal. Schicht für Schicht dringt er tiefer in sein Bewusstsein, betrachtet seine Situation zunächst mit Wut, Verzweiflung, Zynismus, später immer sanfter, versöhnlicher und freier. Er sucht Erkenntnis, Vergebung, eine Spur von Gott. All dies hofft er am Ziel seiner Reise zu erhalten, dem Thalamus. Der Thalamus ist der innerste Ort des Gehirns und der Filter eingehender Informationen für das Grosshirn. Er wird auch als das «Tor zum Bewusstsein» bezeichnet. «Mind» erinnert damit an neurotheologische Argumente wonach sich die religiöse Erfahrung in Hirnprozessen widerspiegelt. Dies ist hier nicht religionskritisch zu verstehen: Die Erfahrungen des Protagonisten werden nicht als Einbildung oder «Gehirn-Verkrampfungen» behandelt, sondern als wichtige und befreiende Erlebnisse im Hier und Jetzt. Dennoch funktioniert «Mind» eher als Mythologie denn als Theologie: Der Baum des Lebens, Thalamus, wird als Fakt präsentiert, die Existenz Gottes hingegen bleibt unentschieden.

Verpasste Chancen

«Mind» besticht in erster Linie durch faszinierende Traumlandschaften, die in tadelloser Grafik und bei zurückhaltender Musik ein Gefühl des Gestrandet-Seins in der Ewigkeit erzeugen. Stark sind auch die Rätsel, die die Fähigkeit voraussetzen, die symbolhafte Welt von «Mind» zu verstehen. Erst nach und nach lernt man beispielsweise, bestimmte Wetterphänomene als Hinweise auf Steuerungseinrichtungen zu lesen. Die oft mehrstufige Lösung der Rätsel durch Logik und teilweise durch die Ausnutzung der Physik funktioniert gut – etwas Geduld braucht es für die manchmal weiten Laufstrecken. Weniger überzeugend ist die Erzählung, die zum Grossteil aus der oft zu oberflächlichen Introspektion des Protagonisten besteht. Schade ist auch, dass die Spieler keine ethischen Entscheidungen fällen müssen, die sich auf den Ausgang der Reise auswirken – und damit den Wiederspielwert gesteigert hätten. Wer jedoch über diese verpassten Chancen hinweg sieht, begibt sich auf eine bildgewaltige und mysteriöse Reise durch das Bewusstsein eines Sterbenden.

 

 

Angaben zum Spiel

Mind – Path to Thalamus (Carlos Coronado 2014)

Plattformen: Windows Vista/7; Mac OS 10.8; Linux Ubuntu 12.

Sprachen: Englisch.

Offizielle Game-Webseite

Preis: ca. 9.EUR (PC-Download-Version)

Keine offizielle Alterseinstufung. Empfehlung des Autors: Ab 12 Jahren

 

 

Über den Autor

Oliver Steffen ist Religionswissenschaftler an der Universität Bern und erforscht die Zusammenhänge von Computerspielen und Religion.

Forschungswebseite: «Between God Mode and God Mood»