Game-Tipp: Science-Fiction in Moral getunkt

Die Entscheidungen eines Himmelfahrtskommandos zu treffen soll die Spieler in moralische Dilemmas stürzen. Das klappt zwar nicht, schlecht ist das Science-Fiction-Game «Gods Will Be Watching» trotzdem nicht.

Stress pur: Von rechts nähert sich die Spezialeinheit der Polizei, links versucht Liam, den Computer zu knacken, in der Mitte sitzen die Geiseln, deren labiler Zustand jederzeit in Fluchtversuchen ausarten kann. Rundenweise lässt der Spieler die einzelnen Geiselnehmer bestimmte vordefinierte Handlungen verrichten: Die Geiseln müssen beruhigt oder eingeschüchtert, die Polizei durch eine Freilassung oder durch gezielte Schüsse in Schach gehalten, die Anzeigen überprüft und stets zwischen Netzstabilität und dem «Turbo-Hack» abgewogen werden. Dies ist das erste von insgesamt sechs Szenarien, die stets an mehreren Fronten gemanagt werden müssen.

Testen, bis die Situation sich löst

Moral soll das grosse Thema dieses Science-Fiction-Thrillers im Retro-Stil sein. Das Spiel handelt von einem interstellaren Konflikt zwischen einer allmächtigen Organisation und einer Terroristengruppe. Es handelt von Themen wie Unterdrückung, Fremdenfeindlichkeit, Massenmord und Gerechtigkeit. In jedem Szenario geht es ums nackte Überleben und darum, das Leben einzelner gegen das Wohl einer Mehrheit abzuwägen. Soll ich eine flüchtende Geisel erschiessen, um die anderen einzuschüchtern und die Mission nicht zu gefährden? Soll ich beim Überlebenskampf auf einem harschen Planeten das Leben eines Kameraden opfern, damit die anderen durchkommen? «Es gibt kein Gut oder Böse, nur Entscheidungen, und nur du und die Götter richten über dein Handeln», schreiben die Entwickler. Die Spieler nehmen also eine Doppelrolle ein: Als Sergeant Burden treffen sie harte Entscheidungen, als «die Götter» betrachten sie die Handlungen aus einer moralischen Sicht. So weit, so interessant. Doch leider ist das Spiel so schwierig, dass man vorwiegend damit beschäftigt ist, herauszufinden, wie das System funktioniert, mit welcher Wahrscheinlichkeit welches Ergebnis wo zu erwarten ist. Oft ist das nicht nachvollziehbar, und das Scheitern und Wiederholen gehört auch auf der Stufe «leicht» zur Tagesordnung. Das mag die Hoffnungslosigkeit der Situationen unterstreichen, hat aber den Effekt, dass man sich bald nicht mehr auf die Charaktere, die Erzählung und die Tragik der eigenen Entscheidungen einlässt – man testet nur noch alles durch, um endlich die Situation zu lösen.

Spielt hält nicht, was es verspricht

«Gods Will Be Watching» ist kein schlechtes Spiel. Das Ausgangsszenario ist spannend, die Story solide, die Charaktere haben Tiefgang, die pixelige Grafik ist charmant und die Bedienung einfach. Aber das Spiel hält nicht, was es verspricht. Es geht nicht um Entscheidungen und Konsequenzen in moralischer Hinsicht, sondern um Abwägen, Ausprobieren und die Hoffnung, dass der eigene Ansatz aufgeht. Wenn es also einen religiösen Bezugspunkt gibt, dann derjenige der Kontingenz: Die Erfahrung, dass der Handlungserfolg und das Überleben der Spielfigur von Prozeduren abhängt, die man weder durchschaut, noch kontrollieren kann, ist für viele Gamer frustrierend und einfach nur schlechtes Gamedesign. Doch das Spiel versetzt uns damit in eine Situation, die wir aus dem Leben kennen: Unsere Existenz als Menschen ist unsicher, Erfolg und Misserfolg nicht immer gerecht, ein glückliches Dasein nicht garantiert, die Fortexistenz nach dem Tod unklar. Während Religionen Antworten auf diese Unsicherheit geben, sind Spielwelten so durchschaubar, dass sich die Kontingenzfrage nicht stellt. «Gods Will Be Watching» hingegen zeigt, wie Games solche Auseinandersetzungen dennoch anregen können. Es fehlt nur noch die Absicht dazu …

 

Angaben zum Spiel

Gods Will Be Watching (Deconstructeam/Devolver Digital 2013)

Plattformen: Windows Vista/7; Mac OS 10.8; Linux Ubuntu 12.

Sprachen: Deutsch u.a.

Offizielle Webseite mit Demo: Zur offiziellen Game-Webseite

Preis: ca. 9.EUR (PC-Download-Version)

Keine offizielle Alterseinstufung. Empfehlung des Autors: Ab 16 Jahren

 

 

Über den Autor

Oliver Steffen ist Religionswissenschaftler an der Universität Bern und erforscht die Zusammenhänge von Computerspielen und Religion.

Projekt «Between God Mode and God Mood»