Game-Tipp: «Amphora», der Geist aus der Flasche

Schön inszeniert und originell erzählt das Game «Amphora» vom Leben eines griechischen Mädchens – aus der Sicht ihres Schutzgeistes. Unser Game-Kritiker ortet «jede Menge Spielspass».

«Amphora» handelt von einem Mädchen, das im alten Griechenland aufwächst und als Frau Liebe, Krieg, Verlust und Glück erfährt. Die Geschichte wird in einzelnen Szenen erzählt, inszeniert in einem Stil, der an das indonesische Wayang-Schattenspiel erinnert. Die Spieler nehmen die Rolle eines mystischen Rauchs ein, der von einer Amphore aufsteigt. Als Rauch kann man innerhalb eines festgelegten Radius per Linksklicks Objekte bewegen, mit der rechten Maustaste hingegen Schnüre und Ketten ziehen, um Gegenstände damit zu verbinden oder daran aufzuhängen. Die Aufgaben sind oft nur unter Ausnutzung der Physik zu lösen, wobei es meistens mehrere Lösungswege gibt. Doch nicht nur der Weg, auch das Ziel müssen die Spieler jeweils selbst in Erfahrung bringen. Da das Spiel keine Anleitung gibt und gänzlich auf Worte verzichetet, kann dies nur durch das aufmerksame Beobachten der Szene und das Experimentieren mit Gegenständen passieren.

Schicksal lässt sich nicht beeinflussen

In Anlehnung an das Strategie-Genre der «Göttersimulation» kann «Amphora» als «Geistersimulation» bezeichnet werden. Denn die Rolle des aktiven Rauches knüpft sowohl an die religionshistorische Erscheinung des griechischen Daimon, sowie an das bekannte orientalische Erzählmotiv des Flaschengeistes an. Die Flaschengeist-Märchen transportieren allerdings Motive der Gefahr, Erpressung, Betrug und Machtausübung, die in «Amphora» fehlen. In dieser Hinsicht erinnert der Rauch eher an die Daimones, die im alten Griechenland als übermenschliche Mächte, Untergötter oder Mittler galten. Dichter Hesiod beschrieb sie als Seelen früherer Menschen und unterschied mehrere Klassen sowie ihr Wirken auf die natürliche Umwelt. Man glaubte, dass jedem Mensch ein Daimon zugeteilt war, ein persönlicher Schutzgeist, ähnlich dem christlichen Schutzengel. Der Daimon begleitete den Menschen von der Wiege bis zum Grab, beeinflusste sein Schicksal, bescherte ihm Glück, aber auch Leid. Passend für eine «Geistersimulation» ist, dass der gesteuerte Geist-Rauch in «Amphora» das Schicksal der Protagonistin nicht bestimmen kann, wie es in den «Göttersimulationen» der Fall wäre. Durch ihre Interaktionen können die Spieler zwar den Lösungsweg der vorgegebenen Rätsel, nicht aber die Ereignisse und Erzählung beeinflussen.

Spiel lässt Hirn auf Hochtouren laufen

Das Spielen von «Amphora» ist ein Geben und Nehmen: Die Geschichte wird durch ein originelles Schattenspiel erzählt, ist in bezaubernd-symbolische Kirchenfensterfarben gehüllt und mit Musik zwischen Folklore und Ambient untermalt. Leider tritt die schöne zeitdruckfreie Atmosphäre in den Hintergrund, sobald der Spieler sich den Aufgaben zuwendet. Das Herausfinden des Was und Wie lässt das Hirn auf Hochtouren laufen; und die fummelige Steuerung fordert oft eine Präzision, die manchmal trotz aller Geschicklichkeit mehrere Anläufe braucht. Schliesslich erfordern einige Szenen auch etwas Fantasie, um die Bedeutung der mythischen Bilder und Symbole zu entziffern. Diese Abstriche, die Kürze des Spiels und der geringe Wiederspielwert werden jedoch von der innovativen Kombination von Ästhetik, Thematik und Gameplay locker übertroffen – «Amphora» vertrömt jede Menge Spielspass.

 

Angaben zum Spiel

Amphora (moondrop 2014)

Sprache: Deutsch u.a.

Plattformen: Windows XP/Vista7/8

Preis: ca. 14 Euro

Offizielle Webseite

Keine offizielle Alterskennzeichnung. Empfehlung des Autors: ab 12 Jahren.

 

 

Über den Autor

Oliver Steffen ist Religionswissenschaftler an der Universität Bern und erforscht die Zusammenhänge von Computerspielen und Religion.
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