Game-Tipp: Krieg aus der Opferperspektive

In «This War of Mine» managen die Spielenden das Überleben einer Gruppe Zivilisten in einem Kriegsgebiet, treffen ethische Entscheidungen und hoffen, hoffen, hoffen.

«This War of Mine» tut etwas, was andere Kriegsspiele nicht tun: Es zeigt den Krieg aus der Opferperspektive. Die Spieler sind damit beschäftigt, das Überleben einer Gruppe von Zivilisten in einer umkämpften Stadt zu sichern: Während des Tages, dem ersten Spielmodus, steuert man die einzelnen Protagonisten aus der Seitenperspektive durch ihren Unterschlupf. Jede Person hat eine eigene Geschichte, Talente und Bedürfnisse. Durch die Erteilung von Befehlen werden Mahlzeiten zubereitet, Verbesserungen am Haus vorgenommen, Bedarfsgegenstände gebaut oder repariert.

Stehlen und tauschen

Später werden Kräuter oder Gemüse angebaut oder Medikamente, Zigaretten und Schnaps hergestellt, für den Eigenkonsum oder als Handelsware. All diese Aktionen kosten Ressourcen, die knapp und wertvoll sind. Sie sind in anderen Gebäuden zu finden, die jeweils von einzelnen Protagonisten in der Nacht besucht werden. In diesem zweiten Spielmodus gilt es, Räume zu erkunden, Gegenstände zu sammeln, stehlen oder tauschen, Türen zu knacken, aber auch mit bewaffneten Bewohnern oder gefährlichen Banditen fertig zu werden.

Erinnerungen an Sarajewo

«This War of Mine» handelt von Entscheidungen, aber auch von unkontrollierbaren Ereignissen, die über Leben und Tod bestimmen. Damit rückt das Spiel zwei Themen in den Mittelpunkt, für die Menschen oft auf den religiösen Glauben zurückgreifen: Ethik und Hoffnung.

Der Spieler entscheidet über Einzelschicksale: Sollen wir der kranken Arica die kostbaren Medikamente besorgen, für die der Rest der Gruppe zwei Tage lang hungern muss? Ist es vertretbar, dringend benötigte Vorräte von anderen Zivilisten zu stehlen? Wenn ja, wen bestehlen wir und wieviel nehmen wir? Sollen wir uns unter Lebensgefahr mit bewaffneten Banden anlegen, oder bedienen wir uns bequem bei den wehrlosen Menschen in der Kirche?

Die Entscheidungen haben Folgen: Wo wir geklaut haben, gelten wir fortan als Banditen. Und während die eigenen Protagonisten kleinere Diebstähle noch durch die Not rechtfertigen, führt der Diebstahl und die Anwendung von Gewalt gegenüber Schwächeren zu Niedergeschlagenheit in der Truppe.

Da der Einfluss auf die eigene Situation dabei stark begrenzt ist, bleibt Raum für die Hoffnung – die Hoffnung, seinen Protagonisten bald ein sicheres Zuhause bieten, eine kleine Subsistenzwirtschaft aufbauen und die nächtlichen Raubzüge aufgeben zu können.

Gut recherchiertes Spiel

Die Entwickler, die sich gemeinsam mit der Organisation «War Child» für Kinder in Konfliktgebieten engagieren, legen mit «This War of Mine» ein gut recherchiertes Spiel vor, das die Stimmungen und Erfahrungen realer Kriegsopfer meisterhaft umsetzt. Dies nicht nur durch die dunkle Kohlestift-Grafik, die Klangkulisse und die stimmig-schwermütige Musik. Sondern auch durch eine spielerische anspruchsvolle wie ansprechende Spielmechanik, die durch viele Einzelhandlungen im Umgang mit knappen Ressourcen ein jeweils individuelles Überlebensszenario entwickelt.

Leider ist diese Stärke auch eine Schwäche: Die einzelnen Protagonisten wollen trotz ihrer Biografiehäppchen nicht so richtig ans Herz wachsen, sondern erscheinen eher als Ressourcen, denn als Persönlichkeiten. Dennoch: Wer von heldenhaften Infanteristen, tollkühnen Piloten oder clausegewitzten Strategen in Kriegsspielen genug hat, findet in «This War of Mine» eine gelungene Alternative.


Angaben zum Spiel

This War Of Mine (11 bit studios/Koch Media 2014). Sprache: Deutsch u.a. Plattformen: Windows XP (SP3)/Vista7/8; Mac OS X 10.6; Linux Ubuntu 12.04. Preis: Fr. 24.90. PEGI-Alterskennzeichnung. Ab 18 Jahren.


 

Über den Autor

Oliver Steffen ist Religionswissenschaftler an der Universität Bern und erforscht die Zusammenhänge von Computerspielen und Religion. Forschungswebseite: http://www.god-mode.ch/