Filmtipp: «Je suis Karl»

Die junge Maxi verliert bei einem Terrorangriff ihre Familie. Als sie Karl trifft, den Kopf einer faschistischen Jugendbewegung, wird ihre Trauer instrumentalisiert.

Eine falsch adressierte Bombe löscht in einem Moment Maxis Familie aus – nur sie und ihr Vater überleben den Anschlag. Einander Halt geben können sie sich nicht, dafür verarbeiten sie ihren Schmerz zu unterschiedlich. Während der Vater still verzweifelt und seine eigenen Überzeugungen infrage stellt, begegnet die wütende Maxi dem charmanten und selbstbewussten Karl.

Dieser ist der Kopf einer jungen europäischen Bewegung, die dem islamistischen Terror die Stirn bieten will. Karl überzeugt Maxi davon, den Tod ihrer Liebsten nicht ungesühnt zu lassen. Bald muss sie aber erkennen, dass sie sich damit einer perfiden faschistischen Ideologie verschrieben hat, die von ihren Anhängern mit kompromissloser Härte vorangetrieben wird.

Luna Wedler (Maxi) und Jannis Niewöhner (Karl) spielen eindringlich und überzeugend. Milan Peschel, der den Vater verkörpert, ist mit all seiner zerbrechlichen Verlorenheit aber das Herzstück dieses aufrüttelnden Thrillers von Christian Schwochow. Dessen Raffinesse zeigt sich in den ineinander verflochtenen Sichtweisen von Opfern und Tätern. Diese fächern sich nach und nach richtig auf und wirken dadurch umso erschreckender.

Die neue rechtsextreme Elite trägt keine Springerstiefel mehr und skandiert auch nicht laut auf der Strasse. Sie glänzt jetzt regelrecht im Licht der angesagten Clubs, ist gutaussehend und verführerisch, manipulativ und anpassungsfähig. «Je suis Karl» ist ein kraftvoller Albtraum, der auf beängstigende Weise echt wirkt, weil er längst Realität geworden ist.

«Je suis Karl», Deutschland/Tschechien 2021, Regie: Christian Schwochow, Besetzung: Luna Wedler, Jannis Niewöhner, Milan Peschel, Verleih: filmcoopi.

Seit 30. September im Kino.