Film über verfolgte Christen sorgt für Diskussionen

Am Filmfestival Locarno sorgte eine Absage für hohe Wellen: Aus Qualitätsgründen hat es die Festivalleitung abgelehnt, einen Film über verfolgte Christen im Irak zu zeigen. Das Kirchenblatt «Giornale del Popolo» startete daraufhin eine mehrteilige, kritische Berichterstattung. Durch die öffentliche Aufmerksamkeit gelangte der Film doch noch auf eine Leinwand in Locarno.

Dass ein eingereichter Film von einem Filmfestival eine Absage erhält, zählt zur Berufsroutine eines jeden Filmschaffenden. Genau dies widerfuhr auch der Schweizer Regisseurin Aida Schlaepfer Al Hassani mit ihrem Film «Noun», als die Organisatoren des Filmfestivals Locarno es ablehnten, den von ihr eingereichten Film zu zeigen. Dass das «Nein» des Filmfestivals Locarno im Tessin dennoch eine öffentliche Debatte auslöste, ist dem Thema – dem Schicksal verfolgter Christen im Irak -, aber auch der katholischen Tessiner Tageszeitung «Giornalo del Popolo» geschuldet.

Katholische Zeitung kritisiert Entscheid des Festivals

Filmerin Schlaepfer Al Hassani bestätigt auf Rückfrage, dass ihr die Festivalorganisation Mitte Juli in einer Standard-E-Mail eine Absage für ihren Film erteilte. Erst als die Tessiner Zeitung «Giornalo del Popolo» das Thema aufgriff und den Entscheid kritisierte, sah sich auch das Festival zu einer Stellungnahme veranlasst. Gegenüber Tessiner Medien begründete der künstlerische Leiter, Carlo Chatrian, den Entscheid damit, dass der Film ästhetischen und formalen Kriterien nicht genüge. Was dann folgte, war eine mehrteilige Berichterstattung der Zeitung, die den Entscheid der Festivalleitung heftig kritisierte. Das Engagement der Zeitung in dieser Sache erstaunt allerdings kaum: Das «Giornale del Popolo» gehört der römisch-katholischen Diözese Lugano.

Film schafft es trotzdem auf die Leinwand

Wer nun vermutet, dass auch Filmerin Schlaepfer Al Hassani mit «Noun» eine Agenda verfolgt und dabei einzig auf das Schicksal christlicher Flüchtlinge aufmerksam machen will, liegt falsch: Die 1970 in Bagdad geborene Schlaepfer Al Hassani ist schiitische Muslima. Deshalb sei ihr auch eine religiöse Ausrichtung auf ein Thema fremd: «Ich hätte genauso gut auch einen Film machen können über Juden im Irak, wenn die Situation vergleichbar wäre.» Es sei nun aber ein Fakt, dass Christen im Irak, vergleichbar mit den Jesiden, systematisch vertrieben, gefoltert, versklavt und ermordet würden.

Die Absage und die geballte Berichterstattung über den Film sorgten dennoch dafür, dass «Noun» den Weg auf eine Leinwand in Locarno schaffte. Im Rahmen des Alternativprogramms «L’Altra Faccia del Pardo» («Das andere Gesicht des Leoparden») wurde in der Kunstgalerie «Il Rivellino» der Film vor rund 120 Zuschauern gezeigt.

Gottfried Locher: Thema wäre Steilpass für einen guten Film

Für die Premiere reiste extra auch Gottfried Locher, Präsident des Schweizerischen Evangelischen Kirchenbundes SEK, an. Zum Film befragt, äussert er sich zurückhaltend. Das Thema sei sehr wichtig, und der Film beinhalte berührende Bilder, die ihm «unter die Haut gingen», sagt Locher. Zugleich habe er gemischte Gefühle, was die Qualität betreffe. So fehle eine nachvollziehbare Handlung, und dem Zuschauer würden zusammenhangslos weinende Kinder gezeigt, die halbpolitische Botschaften in die Kamera sprechen. Auch seien die Schauplätze nicht immer deklariert, was verwirrend sei. «Mich hat der Film eher ratlos zurückgelassen», bilanziert Locher, was er er ausserordentlich schade finde, denn die Ausgangslage sei eigentlich sensationell: «Eine Muslima, die in den Irak reist, um dort über verfolgte Christen zu berichten – das müsste ein Steilpass für einen guten Dokumentarfilm sein.»

Filmerin inzwischen froh über Absage

Auf die geäusserte Kritik an der Qualität des Filmes entgegnet die Regisseurin, dass ihr Ziel nicht die Ästhetisierung der Ereignisse war. Vielmehr wollte sie die von ihr angetroffenen Zustände im Irak dokumentieren. «Wenn jetzt die weinenden Kinder im Film kritisiert werden, dann frage ich zurück: Hätte ich sie nicht zeigen sollen?» Denn überall, wo sie mit der Kamera auftauchte, wollten ihr die Kinder von ihrem Leid berichten, erzählt Schlaepfer Al Hassani. «Dieses menschliche Leid, das uns alle betrifft, musste ich zeigen. Das entspricht meinem Wesen – ich kann gar nicht anders.» Am Ende sei es ihr wichtiger gewesen, diese Botschaft zu platzieren, als einen künstlerisch wertvollen Film zu schaffen. Deshalb sei sie inzwischen sehr froh, dass ihr Film bei den Verantwortlichen des Festivals auf Ablehnung stiess: «Dadurch wurde meine Botschaft überhaupt erst wahrgenommen.»

 


Der Film «Noun» wird diesen Freitag, 14. August um 14.30 Uhr nochmals in der Kunstgalerie «Il Rivellino» in Locarno gezeigt.