Evangelische Kirche in Deutschland will Missbrauchsopfer individuell entschädigen

Die Evangelische Kirche in Deutschland beschreitet bei der Aufarbeitung von sexuellem Missbrauch einen anderen Weg als die katholische Kirche. Finanzielle Leistungen sollen demnach gemeinsam mit den Betroffenen festgelegt werden.


Die 20 Landeskirchen der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) haben sich auf gemeinsame Rahmenbedingungen für materielle Leistungen für Missbrauchsopfer geeinigt. «Es bleibt bei der individuellen Aufarbeitung», sagte die Sprecherin des Beauftragtenrats der EKD, Kirsten Fehrs, dem Evangelischen Pressedienst (epd).

Individuelle Aufarbeitung bedeutet, dass nicht wie in der katholischen Kirche ein fester Rahmen für finanzielle Leistungen festgelegt wird, sondern dass bei jedem Betroffenen geschaut wird, welche Hilfe er benötigt. «Jedes Modell, das der pauschalen und der individuellen Leistung, hat seine Vor- und Nachteile», sagte die Hamburger Bischöfin.

Betroffene sollen nicht in Beweislast kommen

Es werde für die materiellen Leistungen lediglich eine Plausibilitätsprüfung geben, sagte Fehrs weiter. Dafür brauche es unabhängig arbeitende Kommissionen. Man habe sich aber mit bereits existierenden Kommissionen über mögliche Summen finanzieller Hilfeleistungen für Betroffene ausgetauscht, die sich an gesetzlichen Schmerzensgeldbemessungen orientieren. «Wir müssen diesen Teil der Aufarbeitung jetzt in den Landeskirchen synchronisieren», sagte Fehrs. Dies solle bis zur kommenden Synode im November geschehen.

«Wir möchten nicht, dass Menschen in eine Beweislast kommen», sagte Fehrs. Das sei nicht nur belastend für Betroffene, sondern auch in vielen Fällen schwer nachvollziehbar, weil es ein Charakteristikum des erlittenen Traumas sei, dass man Tathergänge, die oft lange zurückliegen, nicht mehr detailliert beschreiben könne.

Bis Ende 2019 sind 770 Fälle sexualisierter Gewalt innerhalb der evangelischen Kirche in Deutschland ermittelt worden. Für die Aufarbeitung hat die EKD im laufenden Jahr rund 1,3 Millionen Euro eingeplant. (epd/no)