Theologie

Der Überzeugungstäter

Der Theologe Manuel Schmid war einst eng mit der Freikirche ICF verbunden. Seit wenigen Monaten ist er Cheftheologe der Evangelisch-reformierten Kirche Schweiz. Wofür steht er, und welches Ziel verfolgt er in dieser Aufgabe? Eine Annäherung.
Von Zürich nach Bern: Manuel Schmid arbeitet seit diesem Jahr für die Evangelisch-reformierte Kirche Schweiz und hat damit auch den Arbeitsort gewechselt. (Bild: Gianni Gropello)

Man trifft sich morgens zum Gespräch in einer Filiale eines global verbreiteten Cafés. Draussen ist es noch dunkel und die meisten Gäste wollen nur ihre warme Milch mit einer Portion Kaffee haben, um sich das Pendeln angenehmer zu gestalten. Zwischen ihnen steht ein grossgewachsener Mann mit ansteckend guter Laune. Selbstironisch bezeichnet er sich als «VIP-Stammgast» der Cafékette.

Er bestellt routiniert und ein bisschen zu euphorisch; es ist ihm anzumerken, dass er schon länger wach und bereits mit dem Zug von seinem Wohnort Liestal nach Zürich gefahren ist. In der Zwingli-Stadt hat er jahrelang gearbeitet, an diesem Tag ist er nur für eine Besprechung da. Später wird er zu seinem aktuellen Arbeitsort in Bern weiterfahren. «Wie heisst du?» fragt der junge Barista, den Filzstift in der Hand, bereit den Becher mit einem Namen zu versehen. «Manuel», sagt Manuel Schmid und zeigt sein einnehmendes Lächeln.

Unerwarteter Jobwechsel

Seit Jahresbeginn ist er Cheftheologe der Evangelisch-reformierten Kirche Schweiz (EKS) – oder Leiter des Kompetenzzentrums Theologie und Ethik (KTE), wie die offizielle Bezeichnung lautet. Davor war er Co-Leiter, Blogger und Podcaster beim Reflab, einem Digitalprojekt der reformierten Zürcher Landeskirche. Einst arbeitete er als Pfarrer für die Freikirche ICF.

Schmid weiss, wo die ruhigen Tische im Lokal sind. Wir setzen uns. «Manuel Schmid, hätten Sie je gedacht, dass Sie einmal Cheftheologe der EKS sind?» Nein, hat er nicht, sagt Schmid. Bis vor kurzem hätte er einen solchen Jobwechsel nicht für möglich gehalten.

Vor ihm hatte Frank Mathwig den Posten inne. Ein Denker, Mitglied der Nationalen Ethikkommission; Autor kluger Essays, die mit ihrer Komplexität bisweilen viele Lesende zurückliessen.

In einem Artikel des Magazins «bref» beschrieben die einen die Lektüre von Mathwigs Texten als «Denkereignisse», die anderen als «Abenteuer», weil die Argumente auf verschiedene – auch unerwartete – Pfade geschickt würden. EKS-Präsidentin Rita Famos blickte Mathwigs Pensionierung nach über zwanzig Jahren «mit ein wenig Sorge entgegen, wegen des Wissensverlustes, der damit verbunden ist».

Grundlagenarbeit leisten

Um in grosse Fussstapfen zu treten, kann man versuchen, grosse Schuhe zu tragen. Oder man geht seinen eigenen Weg. Letzteres wird Manuel Schmid tun – und es ist ganz im Sinne der EKS.

Der Theologe und EKS-Sprecher Stephan Jütte sagt: «Der EKS-Rat hat die Weichen gestellt: Er will mit theologischen Themen stärker in der Öffentlichkeit präsent sein.» Eine Massnahme sei der Blog auf der Webseite der EKS. Eine Rolle soll dabei auch Manuel Schmid spielen.

«Er hat eine ‘Hands-on-Mentalität’, Erfahrung in der Glaubenskommunikation mit Kreisen, die wenig Berührung mit Kirche haben und er ist ein starker Netzwerker», sagt Jütte über den Neuen im KTE. Jütte und Schmid lernten sich 2014 beim Reformationsjubiläum kennen und hielten Kontakt. «Als wir das Reflab aufbauten, fragte ich Manuel für eine Mitarbeit an. Er war sofort dabei», erzählt Jütte.

Schmid selbst beschreibt einen Teil seiner jetzigen Aufgaben so: Er möchte im engen Austausch mit den Kantonalkirchen theologische Grundlagenarbeit leisten. Viele Mitgliedskirchen der EKS hätten kein Geld mehr, um eigene theologische Fachabteilungen zu unterhalten. «So ist es eine prädestinierte Aufgabe für einen Dachverband», meint Schmid.

Öffentlich und breit zugänglich sein

Er möchte theologische Grundlagen zu einer breiten Palette an Themen bieten und «auch Dinge behandeln, die ganz populär sind». Wichtig sei ihm, die Texte und Ideen «unmittelbar zugänglich zu machen», damit die Adressaten an der kirchlichen Basis selbst keine Übersetzungsarbeit mehr leisten müssten. Die Beiträge aus dem KTE sollen auch für Predigten oder den Konfirmandenunterricht hilfreich sein.

Bereits als ICF-Pastor habe er versucht «die Theologie vermittelbarer» zu machen. «In den sechs Jahren beim RefLab war es auch nicht anders», sagt Schmid. Das Ziel sei gewesen, substanzielle theologische Themen so zu kommunizieren, dass sie eine möglichst breite Öffentlichkeit erreichten.

«Zugänglichkeit und Relevanz haben wir beim RefLab strategisch verfolgt», sagt auch Evelyne Baumberger. Sie hatte mit Manuel Schmid die Co-Leitung des RefLab. Baumberger beschreibt den ehemaligen Arbeitskollegen als herzlichen Menschen und scharfen, kreativen Denker.

Sie sagt: «Sein Denken ist immer geleitet von der Frage, was für eine Theologie tragfähig und menschenfreundlich ist.» Sie sei überzeugt, dass er das KTE «relevant und fundiert weiterführen» werde. Dem RefLab wird Schmid als Mann der ersten Stunde wohl fehlen. Doch Baumberger verweist auf das Team, das zum grossen Teil auch seit dem Start 2020 dabei ist: «Der Pioniergeist ist nach wie vor gut vertreten, gleichzeitig bringen personelle Veränderungen auch frische Perspektiven rein.» 

Ganz verloren geht Schmid dem Format nicht, denn er wird gemeinsam mit Stephan Jütte den Podcast «Ausgeglaubt» weiterführen. Das Podcasten sei wie ein «gemeinsames Hobby», sagt Jütte.

Schmids theologisches Denken beschreibt Jütte als «christozentrisch» und erklärt: «Er denkt von Jesus aus und misst daran die Dinge.» Und er attestiert dem Freund, er habe von der Zeit in der Freikirche bis jetzt «einen langen Weg zurückgelegt, was gesellschaftspolitische Fragen angeht».

«Ja, es war ein langer Weg», sagt Schmid. «Ich könnte viele meiner früheren Predigten so nicht mehr halten. Dabei war ich mir damals in vielen Fragen so sicher.» Ein Überlegenheitsgestus, weil man zu wissen glaube, wie die Dinge laufen, sei für ihn nicht mehr angebracht. Heute orientiert er sich an der Verletzlichkeit Gottes. «Ich versuche die Theologie von unten her zu denken, mit einem Gott, der sich schwach und verletzlich macht, der sich widersprechen lässt in Jesus Christus», erklärt er.

Darüber hat er ein populäres Buch geschrieben, das 2022 erschienen ist – nach zehn Jahren in der Schublade, sagt Schmid. Der Titel: «Gott hat (k)einen Plan für dein Leben.» Rückblickend sieht er den Text als Abschied vom Gottesbild seiner freikirchlichen Vergangenheit.

Das Buch ist flott geschrieben mit einem konservativen Unterton. Doch dass Gott verletzlich ist, manchmal auch nicht weiss, wie es weitergeht und nicht alles vorbestimmt hat, deckt sich eher nicht mit der freikirchlichen Auffassung.

Das sehen Sie völlig richtig. Insofern barg das Buch Sprengpotenzial in freikirchlichen Kreisen. Ich habe es veröffentlicht, als ich schon beim RefLab arbeitete – quasi zum letztmöglichen Zeitpunkt. Mein Bibelverständnis und meine Frömmigkeit hatten sich grundlegend verändert.

Wirklich reformiert klingt es nicht: Es argumentiert nahe an der Schrift und kontextualisiert nicht.

Das Buch lebt noch ganz stark von einem unmittelbaren Zugang zur Bibel. Ich habe es herausgegeben im Hinblick auf mein verändertes Gottesverständnis, das darin deutlich wird. Als ich Jahre zuvor über das Thema «Gott hat keinen Plan für dein Leben» predigte, warf das grosse Wellen in der freikirchlichen Szene. Heute habe ich das Gefühl, dass sich die evangelikale Szene auf Kulturkampfthemen eingeschossen hat, vor allem auf sexual- und familienethische Fragen.

Sie gelten als geschickter Netzwerker. Wie gross ist der Kontakt zur ICF noch, nach Ihrem Wechsel zur Evangelisch-reformierten Kirche?

Ich habe keinen harten Bruch mit dem Evangelikalismus allgemein oder dem ICF im Speziellen erlebt. Nach wie vor unterhalte ich viele Kontakte und auch tiefe Freundschaften in dieser Szene. Ab und zu werde ich auch für Vorträge oder Predigten in Freikirchen eingeladen, und ich nehme diese Einladungen in der Regel gerne an. Ich merke aber schon, dass mir vieles an der evangelikalen Frömmigkeit, an ihren Gottesdiensten, dem Bibelverständnis und der Ethik, inzwischen fremd geworden ist.

Wie viel von der Freikirche bringen Sie in die EKS hinein?

Ich habe immer mit offenen Karten gespielt. Meine freikirchliche Sozialisierung gehört zu meiner Geschichte und Prägung, das habe ich schon im RefLab klargemacht. Ich verdanke diesem Hintergrund viel, habe mich aber an vielen Stelle auch sehr kritisch abgegrenzt. Strukturell und theologisch ist es mir sehr wohl in der Reformierten Kirche, ich fühle mich hier Zuhause. Der Wechsel war in mancher Hinsicht ein Befreiungsschlag für mich. Was ich aber von den Freikirchen behalte, ist, dass sie Beteiligungskirchen sind. Sie haben eine Kultur des Mitmachens, Anpackens, sich leidenschaftlich Einsetzens – und das gefällt mir, denn ich bin und bleibe als Theologe ein Überzeugungstäter.

Beitrag teilen

Lesen Sie mehr zum Thema