Das Akkordeonorchester auf der Banntagswiese spielt Schlager und Volksmusik. Abendstimmung. Die Pfadis haben Feuer entzündet. Ein grosses Zelt ist aufgestellt. Viele Leute, viel «Hallo», Händedruck, Umarmungen.
Im Zelt steht ein Schreiner und setzt sich vor 450 Leuten mit den Arbeiten einer Nobelpreisträgerin auseinander. Die Leute sind die Bürgergemeinde von Reinach und der Schreiner ihr Präsident. Er zitiert frisch aus der Arbeit der Politologin Elinor Ostrom, die in ihrem Werk an Beispielen aus Nepal, Guatemala und der Schweiz zeigt, dass die Voraussetzungen für die nachhaltige Nutzung gemeinschaftlichen Eigentums lokale Kooperation und Selbstbestimmung sind.
Der Schreiner-Präsi redet so, dass alle es verstehen. Viel Applaus. Dann werden ernsthaft und gelassen gut hundert Menschen eingebürgert, über die der Präsi sagt, dass er nicht wenigen von ihnen die Einbürgerung fast persönlich nahegelegt habe und er sich besonders freue, dass dies nun geklappt habe. Von den Eingebürgerten sind die Hälfte Nicht-Schweizerinnen und -Schweizer mit Migrationshintergründen, die die Welt von Südchile bis Nordindien umspannen.
Der jüngste Eingebürgerte ist 5, der älteste schon länger im AHV-Alter. Kindergärtler, Studentin, Mechatroniker in Ausbildung, Handwerker, Journalist, Polizist und Pensionär sind ihre Berufe. Nach der Rechnung und einigen Bemerkungen zum frisch gebauten Bürgerhaus und den nächsten kulturellen Anlässen entlässt der Präsi alle zum Apéro mit Bürgerwein, den die Bürgerrätinnen und -räte auch noch selbst ausschenken. «Oben» und «unten» verschwimmen, In- und Ausländer gibt’s sowieso nicht mehr, und die Migrationshintergründe verschmelzen zu Lokalpatriotismen.
Als ich, gehörig beschwingt, mit meinem Weissweinglas mit dem Reinacher Wappen («B’haltis») im Hosensack in die Sommernacht tappe, bin ich glücklich über solche Abende und stolz, Reinacher zu sein (seit letzter Bürgergemeinde). Ich habe wieder mal erlebt: Es ist viel richtig in diesem Land.
Frank Lorenz ist Pfarrer und Journalist.
Dieser Text erschien am 4. Juli 2014 erstmals in der Reformierten Presse.