«Es ist sehr schwer geworden, den Unterricht zu planen»

Immer mehr Katechetinnen und Pfarrer haben Mühe, Kinder für Religionsunterricht oder kirchliche Aktivitäten zu motivieren. Die Konkurrenz der Schule oder des Fussballclubs ist riesig. Eine Pfarrerin, eine Katechetin und ein Pfarrer aus dem Aargau beantworten dazu vier Fragen.

Fussball über alles: Oftmals fallen ihm religiöse Veranstaltungen zum Opfer.
Fussball über alles: Oftmals fallen ihm religiöse Veranstaltungen für Kinder oder Jugendliche zum Opfer. (Bild: Wikimedia/JRR007)

Dreimal in der Woche Fussballtraining, und wer fehlt, wird nicht für den Match am Sonntag aufgeboten. Dazu Hausaufgaben der Schule, die gemacht werden wollen – schliesslich soll der Sprössling mal etwas werden. Auf der Strecke bleiben dann oft der Religionsunterricht oder kirchliche Anlässe wie Konf-Weekends oder Exkursionen.

Pfarrerin Nadine Hassler Bütschi, Pfarrer Christian Bieri und die Katechetin Sabine Haller kennen diese Situation. Hassler Bütschi hat dazu kürzlich auch gebloggt. Matthias Böhni hat ihnen vier Fragen dazu gestellt:


1. Wie zeigt sich die Konkurrenz zwischen Religionsunterricht und Freizeitangeboten wie Fussball?

Nadine Hassler Bütschi: Es ist sehr schwer geworden, den Unterricht zu planen. Noch vor wenigen Jahren war es kein Problem, an den Abenden oder am Samstag Unterricht anzubieten. Doch in der Zwischenzeit ist der Sport kein Ausgleich mehr zur Schule, die Jugendlichen werden auch hier auf Leistung getrimmt. Es sind zwei bis drei Abende mit Training belegt. Dazu oft auch die Samstage und Sonntage. Und zum Teil gibt es schwere Sanktionen, wer am Training fehlt.

Christian Bieri: Die Konkurrenz besteht nicht in erster Linie zum Religionsunterricht, sondern zur kirchlichen Kinder- und Jugendarbeit. Sie ist vor allem saisonal bedingt, dies kann man in der Planung berücksichtigen. Im Religionsunterricht ist es der Leistungsdruck der Schule, unter dem die Kinder und Teenager stehen. Viele Eltern setzen die Priorität auf die schulische Leistung; so fallen ihr die «freiwilligen» Angebote, die «nicht so wichtig» sind, wie Religionsunterricht, zum Opfer.

Sabine Haller: Die Konkurrenz ist vor allem spürbar bei Anlässen in der Freizeit, zum Beispiel bei einem Gottesdienst oder einer Exkursion. Eltern wie Kinder sind nicht bereit, sich ausserhalb der Lektionen zu engagieren.


2. Wie gehen Sie mit dieser Konkurrenz konkret um?

Nadine Hassler Bütschi: Sport ist ein wertvoller Ausgleich zur Schule. Schade finde ich den Druck, der ausgeübt wird. Ich versuche, mit den Jugendlichen Lösungen zu finden. Zum Teil habe ich auch schon Privatunterricht erteilt oder eine Extrastunde angehängt. Für mich ist es sehr viel Aufwand, aber die jungen Menschen sind es wert. Ich versuche auch, bei der Planung mit den Trainern in Verbindung zu stehen und Lösungen zu finden.

Christian Bieri: Wir bemühen uns um Verständnis für die Situation. Auch ich liebe Sport und Musik. Konfirmanden beispielsweise dürfen pro Schuljahr zweimal ohne Angabe von Gründen fehlen. Dann inhaltlich, indem wir nicht auf die «weltliche» Schiene aufspringen mit «tollem Fun», sondern ein Nischenangebot mit klarem Profil bieten: Christliche Gemeinschaft mit Inhalt, Sport und Spiel. Wir treten als selbstbewusste «Player» auf dem «Markt» auf und stehen zu unserem «Produkt».

Sabine Haller: Auf der einen Seite habe ich Verständnis. Eine Sportart betreibt man vielleicht seit langem und wettkampfmässig. Da kann ich es nachvollziehen, wenn ein Kind lieber an einem Wettkampf teilnimmt als an einem Gottesdienst. Wenn die Abmeldung rechtzeitig und begründet kommt, ist es in Ordnung. Aber wenn erwartet wird, man könnte bis im letzten Moment offen lassen, ob ein Kind an einem Gottesdienst mitmacht, bekomme ich Mühe. Auch wünschte ich mir von den Eltern mehr Unterstützung mit einer klaren Haltung. Von einem Kind im Primarschulalter zu erwarten, dass es über eine Teilnahme selber entscheiden kann, empfinde ich als Überforderung des Schülers oder der Schülerin.


3. Hat diese Konkurrenz in den letzten Jahren zu- oder abgenommen?

Nadine Hassler Bütschi: Durch die Schulreform wurden Sport, Musik und Kirche an den Rand gedrängt. Es ist schwerer geworden, Stunden zu setzen. Gleichzeitig gibt es die Haltung gegenüber der Kirche, dass man zwar das Kind konfirmieren lassen will, aber nicht einsieht, warum dafür der Unterricht wichtig ist.

Christian Bieri: Die Konkurrenz im Freizeitbereich hat nicht zugenommen. Zugenommen haben hingegen der schulische Leistungsdruck und die Erwartungshaltung der Eltern an ihre Kinder. Zugenommen hat aber auch die Offenheit für religiöse Fragen. Dies erachte ich als grosse Chance für die kirchliche Kinder- und Jugendarbeit.

Sabine Haller: Die Konkurrenz hat tendenziell zugenommen. Die Kinder sind in der Freizeit mehr verplant als noch vor Jahren


4. Was verpassen die Kinder/Jugendlichen, wenn sie nicht am Religionsunterricht und oder an Angeboten der kirchlichen Kinder- und Jugendarbeit teilnehmen?

Nadine Hassler Bütschi: Kann ich eine Meinung über Kirche, Glaube und Christentum haben, wenn ich mich damit nicht auseinandergesetzt habe? Kann ich ein Wissen über Kultur, Philosophie, Kunstgeschichte haben, wenn ich nie etwas darüber gehört habe? Besteht das Leben nur aus Leistung, Konkurrenz und Erfolg? Wie gehe ich mit Schicksalsschlägen um? Das und vieles mehr wird im Religionsunterricht besprochen. Nicht abschliessend. Aber so, dass junge Menschen daran weiterdenken und Antworten finden können.

Christian Bieri: Sie verpassen die Chance, den christlichen Glauben aus der Innenperspektive kennenzulernen. Sie verpassen regelmässige Gemeinschaft, Austausch und Diskussion ohne Leistungsdruck. Sie verpassen ein den weltlichen Massstäben fremdes Wertesystem («du bist von Gott geliebt, egal welche Leistung du bringst»).

Sabine Haller: Wenn sie generell den Unterricht, vor allem im Primarschulalter, nicht besuchen, kennen sie die biblischen Geschichten nicht. Sie verpassen die Grundlage unserer Kultur. Wie sollen sie sich später für etwas entscheiden, wenn sie nichts von unseren christlichen Wurzeln gehört haben? Wenn sie an einzelne Anlässe nicht kommen, haben sie keine Chance, das kirchliche Umfeld und das Feiern ausserhalb der Unterrichtssituation kennenzulernen.