Decharge für alle ausser den ehemaligen Ratspräsidenten
Bei sommerlichen Temperaturen hat am Sonntag in Sion die Evangelisch-reformierte Kirche Schweiz (EKS) ihre Sommersynode eröffnet. 102 Jahre sei die Organisation nun alt, erläuterte EKS-Präsidentin Rita Famos zu Beginn. Nachgefeiert werde nicht; die EKS sei nicht mehr dieselbe wie vor zwei Jahren. «Wir haben uns weiterentwickelt», betonte Famos.
Gegenantrag chancenlos
Dennoch mussten sich die 69 stimmberechtigten Synodalen zunächst mit der Vergangenheit beschäftigen. Traktandiert war die Erteilung der Decharge 2020, die im September 2021 verschoben worden war. Das Synodebüro unter der Leitung von Synodepräsidentin Evelyn Borer beantragte, allen Ratsmitgliedern die Decharge zu erteilen mit Ausnahme des ehemaligen Präsidenten Gottfried Locher. Es sei davon auszugehen, dass die Ratsmitglieder keine Pflichten verletzt hätten, hiess es in der Begründung. Dem ehemaligen Ratspräsidenten Gottfried Locher dagegen solle die Decharge verweigert werden. Er habe seine Treuepflichten grob verletzt und die Reputation der EKS aufs Spiel gesetzt.
Philippe Kneubühler, Synodaler der Reformierten Kirchen Bern-Jura-Solothurn, stellte einen Gegenantrag. Die Decharge sei allen Mitgliedern zu erteilen, auch dem Präsidenten. Die Westschweizer Synodalen seien der Ansicht, es sei Zeit, in die Zukunft zu schauen. «Was man dem Präsidenten vorwerfen kann, ist nicht finanzieller Natur», betonte Kneubühler.
Die Synodalen waren anderer Ansicht. Sie stimmten mehrheitlich für den Antrag des Synodebüros und folgten dessen Argumentation. Mit 49 Ja- zu 4 Nein-Stimmen bei 17 Enthaltungen erteilten sie den Ratsmitgliedern die Decharge für 2020, nahmen aber den damaligen Präsidenten davon aus.
Neubesetzungen möglich
Die EKS-Synode dauert in die neue Woche hinein an. Mit Spannung erwartet werden die Wahlen in den EKS-Rat, die am Montagvormittag anstehen. Durch die Rücktritte von Ulrich Knoepfel und Esther Gaillard werden zwei Sitze frei, dafür bewerben sich mit Lilian Bachmann (LU), Catherine Berger (AG) und Philippe Kneubühler (RefBeJuSo) gleich drei Personen (ref.ch berichtete)
Vier bisherige EKS-Ratsmitglieder treten wieder an (Pierre-Philippe Blaser, Claudia Haslebacher, Daniel Reuter, Ruth Pfister-Murbach). Eine Nicht-Wiederwahl eines amtierenden Mitgliedes wäre aussergewöhnlich, ist aber nicht ausgeschlossen. Auch die amtierende EKS-Präsidentin, Rita Famos, stellt sich zur Wiederwahl. Ihre Bestätigung gilt als so gut wie sicher, sie hat keine Konkurrenz.
Causa Locher abschliessen
Unmittelbar nach den Wahlen gibt dann noch einmal der Rücktritt des ehemaligen EKS-Präsidenten, Gottfried Locher, zu reden. Die Synode hatte vergangenen Sommer vom Rat und vom Synodebüro verlangt, zu einem Untersuchungsbericht Empfehlungen abzugeben. Diese liegen nun vor, sollen diskutiert und anschliessend umgesetzt werden.
Auslöser der Causa Locher, im Rahmen derer der ehemalige Präsident im Frühling 2020 zurückgetreten war, war die Beschwerde einer ehemaligen Mitarbeiterin. Die Frau hatte Locher Grenzverletzungen vorgeworfen. Eine Untersuchungskommission war zum Schluss gekommen, Locher habe die Frau mutmasslich sexuell, psychisch und spirituell missbraucht.
Ausschluss thematisieren
Ebenfalls für Montag angesetzt ist die Behandlung einer Motion, die der Zürcher Kirchenratspräsident Michel Müller eingereicht hat. Sein Vorstoss verlangt, dass sich der EKS-Rat beim Ökumenischen Rat der Kirchen (ÖRK) einsetzt für eine Suspendierung der russisch-orthodoxen Kirche innerhalb des ÖRK.
Würde die Motion überwiesen, wäre die EKS neben der schwedischen Unionskirche das zweite Mitglied, das sich für einen (temporären) Ausschluss ausspricht. Bisher hatte keine der anderen 352 Mitgliedskirchen Sanktionen verlangt. Das Thema steht auch auf der Agenda einer ÖRK-Tagung, die am 15. Juni beginnt. Dem Vernehmen nach ist nicht davon auszugehen, dass der ÖRK eine Suspendierung beschliesst.