Eine Nomadin zwischen den Welten

Eine junge Katholikin, die reformierte Theologie studiert, mit glarnerisch-sizilianischem Temperament? Dazu Modeln, Tanzen und an Bars servieren? Das muss Francesca Trento sein. Ein Porträt.

«Mich schockiert, dass man das Wesentliche der Religion aus den Augen verloren hat.» Sie sagt das nicht leichthin, mag sie sonst noch so quirlig sein. Und was ist das Wesentliche? «Die Liebe. Der Glaube an die Gerechtigkeit, an eine Art Karma. Heute sind wir so diesseitsorientiert und materialistisch. Es gibt wenig Pfarrer, die wirklich glauben, was sie verkünden. Es fehlt an Gottvertrauen. An Glauben, dass in uns Gott ist.»

Im theologischen Seminar in Zürich hätten die Studenten gelacht, wenn in der Bibel ein Wunder vorkomme. «Aber warum lachen sie? Sie wollen Pfarrer werden und lachen über Wunder?» Dem Zweifel beim Glauben begegnet Francesca Trento selber eher mit Zweifel.

«Wer sich als Teil der Welt sieht, erkennt die Brüderlichkeit, die unter uns walten sollte», stellt sie fest. Und wer die eigene Göttlichkeit in sich erkenne, da der Mensch das Ebenbild Gottes sei, versprühe den wahren Glauben. Das sei heute nicht der Fall, und deshalb seien die Kirchen leer.

Sizilien und Glarus

Francesca Trento, 25-jährig, schlank, gross, mit Tattoos und Piercing, ist eine klassische Seconda. Sie ist in Netstal, Kanton Glarus aufgewachsen, der Vater ist der Sohn norditalienischer Immigranten, die Mutter stammt aus Sizilien. Immer im Sommer ging Francesca Trento für sechs Wochen auf die Insel in Süditalien – «ob in der Schweiz oder in Italien, immer fühle ich mich als Ausländerin.» Auch religiös ist sie dazwischen: Die Eltern waren bei den Zeugen Jehovas, und sie wuchs in diesem Umfeld auf, bevor sie als Jugendliche mit ihrer Mutter zum Katholizismus konvertierte. Und jetzt studiert sie reformierte Theologie.

Zeugen Jehovas – das klingt nach strenger Freikirche. Das war es auch, aber irgendwie auch nicht. «Bei den Zeugen gibt es keine Geschenke am Geburtstag, keine Ostern oder Weihnachten, das war schon speziell», erinnert sie sich. Die Eltern waren aber nicht im innersten Zirkel, Francesca Trento verteilte keinen «Wachtturm» auf der Strasse, und die Zeugen konnten ihr den Glauben auch sonst nicht vergällen.

Doch der Weg zum Theologiestudium war damit überhaupt nicht vorgespurt, denn sie ist eher eine Nomadin. Nach der Matur ging sie fünf Monate in die USA. Dann besuchte sie ein halbes Jahr eine Tanzschule in Deutschland. Es folgte ein Jahr Medizinstudium in Zürich, sie sattelte um auf Germanistik, wechselte nach Bern, wo sie das Fach mit Sportwissenschaften kombinierte.

Langstrasse und Netstal

Erst in Bern hat sie die Theologie entdeckt – und ging flugs wieder zurück nach Zürich. Ihre Bachelorarbeit in Germanistik, dem zweiten Hauptfach, hat sie über Elias Canetti geschrieben, zum Thema «Tod und Unsterblichkeit». In Zürich absolviert sie neben dem Studium bis im Sommer ein Praktikum beim ökumenischen «Medientipp», wo sie Programmhinweise für einen Medienversand zusammenstellt.

Ihr vielgestaltiges Leben ist damit aber immer noch nicht hinreichend beschrieben. Für Kunstprojekte modelt sie einmal im Monat, und als der Journalist sie fotografieren will, ist sie nicht zufrieden mit den ersten Aufnahmen, moniert Augenringe («ich sehe ja völlig bekifft aus»), übernimmt den Lead, und erst nach mehreren Durchläufen bewilligt sie die Bilder.

Sie gibt auch noch Tanzunterricht, ist eine grosse Tierfreundin und dazu noch Barkeeperin – an der Langstrasse in Zürich und im «Ochsen» in Glarus. Und da ist auch noch ein kleiner Rest Teenager-Schussligkeit. Jedenfalls löst sich ihr Handy auf, es ist krumm geworden – wieso auch immer – und ihre Haare verfangen sich darin.

Konvertieren oder studieren

Nach dem Studium zieht es sie beruflich in den Journalismus und in die Seelsorge. Doch das ist gar nicht so einfach. Für eine Seelsorgestelle bei den Reformierten müsste sie konvertieren. Für eine Seelsorgestelle in der Pfarrei in Netstal, wo sie schon sehr viel mitgearbeitet hat, müsste sie vier Semester an einer katholischen Hochschule anhängen. Warum hat sie nicht gleich an einer katholischen Hochschule studiert? Sie meint lapidar: «Es war die Stadt. Ich liebe Zürich.»

Sie enerviert sich ab diesem konfessionellen Gezicke. «Warum kann man es nicht einfach als Plus in meinem Leben sehen? Warum kann ich nicht ökumenisch arbeiten?» Ohne dieses Studium könnte sie in Netstal als Seelsorgerin beginnen. Konfessionalistisch kompliziert ist das, oder in ihrem Glarner Dialekt: «Es Riesegschiss.»