Ein reformiertes Spital in der Diaspora

Vor hundert Jahren wurde im katholischen Freiburg das erste Krankenhaus für Reformierte eröffnet. Möglich gemacht hatte das eine Spende des Freiburger Kaufmanns und Bankiers Jules Daler.

Das Daler-Spital heute.
Das Daler-Spital heute. (Bild: Daler-Spital)

Am 12. Februar 1889 wurde die reformierte Kirchgemeinde von Freiburg auf einen Schlag reich. Es war der Todestag des Freiburger Lederhändlers und Bankiers Jules Daler. Testamentarisch hatte Daler wenige Jahre zuvor sein gesamtes Vermögen an die Kirchgemeinde überschrieben, geknüpft an eine Auflage: Das Geld sollte für die Gründung des ersten reformierten Spitals auf Freiburger Boden verwendet werden.

Bis zur Eröffnung sollten aber noch einige Jahre verstreichen. Erst nach dem Tod seiner Frau, die von Daler als Nutzniesserin seines Vermögens eingesetzt worden war, konnte sich die Kirchgemeinde an die Umsetzung machen. Am 14. Oktober 1917, mitten in den Wirren des Ersten Weltkrieges, wurde das Krankenhaus im Beisein der Kantonsregierung und des Freiburger Stadtammanns feierlich eröffnet.

Kranke mussten nach Bern

Die 1836 gegründete reformierte Freiburger Kirchgemeinde war klein und bestand vorwiegend aus Bauern und Handwerkern, die aus dem benachbarten Bernbiet zugezogen waren. Zwar hatte man seit 1875 eine eigene Kirche, Friedhöfe und eine öffentlich anerkannte Schule. In der Gesundheitsversorgung aber haperte es noch. Ein öffentliches Spital gab es nicht und im katholischen Bürgerspital wurden Reformierte nur aufgenommen, wenn gerade genügend Platz vorhanden war. Zudem musste die reformierte Kirchgemeinde für ihre Patienten eine Kaution hinterlegen. Lange Zeit war man deshalb gezwungen, die Kranken ins entfernte Berner Inselspital zu bringen.

Daler kannte die Zustände genau. Als Kassier
deckte er die Defizite der Freiburger Kirchgemeinde
regelmässig aus eigener Tasche.

Ein unhaltbarer Zustand – auch für den wohlhabenden Freiburger Bankier Jules Daler. Der Sohn eines aus dem Grossherzogtum Baden nach Freiburg eingewanderten Lederhändlers engagierte sich im Kirchgemeinderat der reformierten Kirche und kannte als Mitglied der «Commission zur Krankenversorgung» die Zustände genau. Als Kassier deckte Daler die Defizite der Freiburger Kirchgemeinde regelmässig aus eigener Tasche.

Vom Bankier zum Wohltäter

Die grosszügige Spende zur Gründung eines reformierten Spitals hatte jedoch noch andere Gründe, wie Bernhard Flühmann, Autor der Jubiläumsschrift des Daler-Spitals, vermutet: «1874 verlor das Ehepaar Daler seinen Sohn James bei einem tragischen Unfall. Das hat das Leben der beiden nachhaltig verändert.»

Verstärkt widmete sich Daler von nun an der Wohltätigkeit. Er spendete für die Speisung armer Schulkinder und unterstützte die reformierte Schule. In dieser Zeit muss Daler auch zum Entschluss gekommen sein, sein Vermögen für den Bau eines Krankenhauses einzusetzen. Rund 900‘000 Franken sollte er der reformierten Kirchgemeinde schliesslich vermachen.

Arme sollten bei der Aufnahme den Vorzug erhalten
und gratis behandelt werden.
Letzteres erwies sich jedoch als schwierig.

In seinem Testament von 1883 verfügte Daler, dass das geplante Spital nicht nur alle Reformierten aus dem ganzen Kanton aufnehmen müsse, sondern auch alle Nichtbürger der Stadt Freiburg, unabhängig von ihrer Konfession. Zudem sollten Arme bei der Aufnahme den Vorzug erhalten und gratis behandelt werden.

Letzteres erwies sich laut Flühmann jedoch als schwierig: «Daler hoffte, man könne die Gratisversorgung der Armen aus den Zinsen des Stiftungskapitals bestreiten. Das war natürlich eine Illusion.» Tatsächlich war das Spital von Beginn an auf zusätzliche Spenden angewiesen. Erst durch die Gründung des Daler-Hilfsvereins 1921 wurde eine Verbesserung der finanziellen Lage erreicht.

Reformiert ist nur noch der Stiftungsrat

Inzwischen ist das Daler-Spital mit über 300 Mitarbeitenden die grösste Privatklinik im Kanton Freiburg. Ein ausschliesslich reformiertes Spital ist es schon lange nicht mehr. «Bis in die sechziger Jahre führte man im Spital eine Statistik über die Konfessionen. Dabei zeigt sich, dass seit der Eröffnung stets mehr katholische als reformierte Patienten behandelt wurden», so Flühmann. Auch bei der Berufung der Ärzte spielte die Konfession bald schon keine Rolle mehr.

Heute beschränkt sich das Recht der reformierten Kirchgemeinde auf die Ernennung der Stiftungsräte. Diese waren bis in die jüngste Zeit fast ausnahmslos reformiert.

 

Zum 100-Jahr-Jubiläum des Daler-Spitals erschien der Band «Tradition und Moderne – 100 Jahre Daler-Spital». Es kann in den Freiburger Buchhandlungen bezogen werden.