Hochkarätige Referenten, spannende Vorträge, angeregte Diskussionen, besinnliche Andachten: Die diesjährigen Studientage waren nicht nur nach Ansicht der Veranstalter ein Erfolg. Ein bedeutender Input kam dabei aus England: Graham Tomlin, Präsident der grössten anglikanischen Priesterausbildungsstätte und Bischof von Kensington, war mit seiner Kollegin Jane Williams da – die Ehefrau des ehemaligen Erzbischofs von Canterbury Roven Williams ist Dozentin für systematische Theologie. Von Schweizer reformierter Seite konnte man Ralph Kunz hören und in den Workshops Moisés Mayordomo, Matthias Zeindler oder Martin Sallmann miterleben. Auch der Dominikaner-Bestsellerautor Timothy Radcliffe stand ursprünglich auf dem Programm, er musste aus gesundheitlichen Gründen aber absagen.
Magere Jahre oder offene Zukunft?
Den Einführungsvortrag hielt Michael Herbst, Professor für praktische Theologie an der Universität Greifswald (D). Er zeichnete ein düsteres Bild der Situation der Evangelischen Kirche in Deutschland, deren Mitgliedzahlen jedes Jahr um die Grössenordnung einer mittleren Grossstadt sänken. «Die fetten Jahre sind vorüber», sagte Herbst, die grossen Volkskirchen müssten sich auf den Weg zur «öffentlichen Minderheits- und Missionskirche» machen. Nötig sei dafür eine Abkehr von den Allround-Ortsgemeinden. «Wir sollten innerlich und praktisch den Wechsel von der autonomen, voll versorgenden Parochie (Kirchgemeinde) zur regiolokalen Kirche und zur Kooperation der Verschiedenen akzeptieren», sagte Herbst. Auch die Pfarrerzentriertheit müsse aufgegeben werden, denn sie bedeute gleichzeitig «Entmündigung der Gemeinde und Überlastung der Pfarrpersonen».
Blick für Neues
Ralph Kunz, praktischer Theologe aus Zürich, hob in seinem Vortrag über «Neue Martyrik» hervor, dass angesichts von Missbrauch und anderen Skandalen, die nicht nur die katholische Kirche erschüttern, «nicht allein die Wahrheit ihrer Mission, sondern vorab die Wahrhaftigkeit ihres Zeugnisses» zur Debatte stehe. «Wenn wir danach fragen, was ‹Re-Imaging the Church› bedeutet, müssen wir uns mit dem Image der Kirche befassen», sagte Kunz weiter.
Jane Williams sprach von der Erneuerung der Kirche durch das Gebet, Frère Richard aus Taizé nahm sich die Urgemeinde aus der Apostelgeschichte zum Beispiel: Die Jünger hätten nach dem Frust, dass Jesus nicht Herrscher von Jerusalem wurde, die Ausgiessung des Heiligen Geistes an Pfingsten erlebt und eine neue Form der Gemeinschaft gefunden. «Manche Erwartungen mussten enttäuscht werden, damit ihnen Gott neue Horizonte eröffnen konnte», so Frère Richard.
Innerprotestantische Ökumene
Der Vielfalt des Angebots entsprach die Vielfalt der Veranstalter und Partner der Tagung. Hier waren die Reformierten ganz eindeutig in der Minderheit. Der SEK war zwar dabei, die Uni Zürich und die Pfarrerweiterbildung a+w. Aber nur eine einzige reformierte Landeskirche (Bern-Jura-Solothurn). Dafür die Evangelische Allianz, das Theologische Seminar St. Chrischona, Alphalive Schweiz oder die Vereinigten Bibelgruppen. Unter den 400 Teilnehmenden waren nach Einschätzung von Kunz zwischen 60 und 80 reformierte Pfarrer. Die anderen gehörten grossmehrheitlich Freikirchen an. Ist das Studienzentrum für Glaube und Gesellschaft also vor allem ein evangelikaler Verein, der in einer katholischen Fakultät Gastrecht geniesst?
Dieser Meinung ist Ralph Kunz ganz und gar nicht. Im Gespräch bestätigte er zwar, dass es im Studienzentrum und bei den Studientagen einen starken freikirchlich geprägten Flügel gibt. Aber diese «Durchmischung» sei auch gut so. Es handle sich bei den Studientagen eben «nicht um die klassische Inzuchtveranstaltung», bei der man nur Reformierte treffe. Das erst zwei Jahre alte Studienzentrum wolle auf «sehr ökumenische Art» akademische Theologie und Glaubenspraxis verbinden und sei aufgrund seiner Unabhängigkeit und internationalen Kontakte ein idealer Brückenbauer zwischen verschiedenen Kirchen und Konfessionen. Seit einiger Zeit gebe es zudem Bestrebungen, gemeinsam mit den Leitungen der reformierten Landeskirchen an einer Erneuerung der Kirche zu arbeiten. Eine Wiederholung der letztjährigen Londonreise ausschliesslich für reformierte Kirchenleitungen sei in Vorbereitung, und zu der lade immerhin Gottfried Locher ein.