Der pensionierte Lehrer Rudolf Boss führt auf Schloss Burgdorf museumspädagogische Rundgänge durch. Mit den teilnehmenden Schulklassen macht er jeweils auch in der gotischen Schlosskapelle halt, um den Kindern etwas über die Fresken mit den biblischen Szenen zu erzählen. «Wer weiss, wer Johannes der Täufer war?», fragt er zum Einstieg. Schweigen in der Runde. «Dann kennt ihr aber vielleicht David und Goliath?» Immer noch Schweigen. «Also schön. Kann mir jemand etwas über Asterix und Obelix sagen?» Jetzt, wo nicht mehr Bibelkenntnisse gefragt sind, fliegt ein Dutzend Hände in die Höhe.
«Grundlegendes Wissen über die Bibel geht zunehmend verloren, das stelle ich seit einiger Zeit bei den Schulkindern der Unter- und Mittelstufe fest», sagt Boss. Was er aus verschiedenen Gründen bedauert. «Ob gläubig oder nicht – wer die europäische Kulturgeschichte verstehen will, muss auch die wesentlichen biblischen Geschichten kennen», findet der Pädagoge. Zudem sei die Bibel ein sprachgewaltiges Buch; in ihr zu lesen, fördere das Sprach- und Stilempfinden. «Unser Wortschatz ist ja voller Redewendungen aus der Bibel.»
Klaffende Lücken
In kirchlichen Kreisen beobachtet man die Erosion des biblischen Grundwissens ebenfalls. «Da ist innert kurzer Zeit sehr viel weggebrochen», stellt Susanna Meyer vom Fachbereich Theologie der reformierten Landeskirchen Bern-Jura-Solothurn (Refbejuso) fest. Die Gründe sind vielfältig und reichen vom eher profan ausgerichteten Konfirmationsunterricht der Siebziger- und Achtzigerjahre bis hin zu einer zunehmenden Gleichgültigkeit gegenüber Kirchlichem, Überliefertem und Historischem. Weil heutige Germanistikstudierende die Klassiker der deutschen Literatur ohne Bibelkenntnisse nicht wirklich verstehen können, haben Studierende an der Universität Bern auch schon einen Bibelkurs für Mitstudierende organisiert. Und sogar angehende Theologiestudentinnen und -studenten wissen oft kaum mehr, was in der Bibel steht. Entsprechend müssen sie sich dieses Wissen zuerst aneignen.
Neue Zugänge
Das ist für jene, die sich bei Refbejuso mit der Vermittlung von biblischem Wissen befassen, Ansporn, neue Tore zur Bibel zu öffnen. «Wir wollen dabei nicht das Manko betonen, sondern auf die grosse Fülle an gutem Material hinweisen, das Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen die Bibel näherbringt – und zeigen, wie spannend und lebensnah diese Geschichten sind», sagt Katharina Wagner, im Bereich Katechetik zuständig für Kinder und Familien. In diesem Geist hat sie als Projektleiterin zusammen mit einer ökumenischen Arbeitsgruppe die Veranstaltungsreihe «Bibel: Räume, Zeiten, Welten» zusammengestellt; die Anlässe laufen diesen September während dreier Wochen (siehe unten).
Kernstück ist ein Stationenweg, der im «Haus der Kirche» am Berner Altenberg und im umliegenden Areal eingerichtet wurde, mit Beduinenzelt, Schreibstube, Buchdruckerei und weiteren Stationen. Hier gewinnen KUW- und Schulklassen der Mittelstufe einen dreistündigen Einblick in die Entstehungsgeschichte der Bibel. Dieses Angebot, das vier Studentinnen des Instituts für Vorschul- und Primarstufe NMS Bern konzipiert haben, ist bereits ausgebucht, andere sind es noch nicht: etwa ein biblischer Abendspaziergang mit der Schauspielerin Dorothée Reize, eine Erlebnis-Ausstellung für Jugendliche zur Arche Noah, ein Seminar in Bibelwissenschaft («Der Bibel auf der Spur») sowie weitere Bildungsanlässe für Fachpersonen und Interessierte.
Herausfordernde Texte
Äusserer Anlass des bernischen Bibel-Septembers ist das anstehende Reformationsjahr. Einer der reformatorischen Grundsätze lautet «sola scriptura»; das bedeutet, dass sich «allein aus der Bibel» die christliche Botschaft immer wieder neu erschliesst. Was also liegt näher, als zur Einstimmung auf 2017 die Bibel und deren Geschichten wieder einmal so richtig unter die Leute zu bringen? «Bei der Bibelarbeit soll es immer auch darum gehen, Inhalte in eine heutige Sprache zu übertragen, die alle verstehen», sagt die Theologin Susanna Meyer von Refbejuso. Und den mündigen Hörerinnen und Hörern auch mal etwas zuzumuten, denn schliesslich enthalte die Bibel nicht nur weichgespülte Texte.
Soll das Grundwissen über biblische Geschichten und Gestalten wieder ansteigen, ist nebst der Kirche auch die Schule gefordert. Dazu äussert sich Andreas Kessler, Dozent für Religionspädagogik, in der aktuellen Nummer des Katechetik-Magazins «z.B». Die Bibel, sagt der Experte, habe im Lehrplan 21 sehr wohl ihren Platz. Und zwar dergestalt, dass Kinder und Jugendliche nach der obligatorischen Schulzeit «idealerweise» in der Lage sein sollten, «die Bibel als christliches Basisdokument zu verorten, einige Erzähltraditionen zu kennen sowie diese in Kunst und Architektur wiederzuerkennen». Allerdings, schränkt Kessler ein, bleibe es der jeweiligen Lehrperson überlassen, die Akzente zu setzen – man werde sehen.
Hans Herrmann/refomiert.info
Auflösung Bildrätsel: Johannes der Täufer
Biblischer September in Bern
Fachpersonen aus den Bereichen Bibel, Pädagogik, Theologie und Forschung bestreiten diesen September in Bern eine vielfältige Veranstaltungsreihe rund um die Bibel. Und zur Frage, wie dieses spannende, aber manchmal auch sperrige Buch an heutige Kinder und Jugendliche vermittelt werden kann.
Lust an der List. Bei alledem sollen auch die Erwachsenen auf ihre Kosten kommen, etwa im Seminar «Der Bibel auf der Spur». Oder auf dem Abendspaziergang «Seid listig wie die Schlangen»: Unter diesem Titel wird zu einem anregenden biblischen Bummel eingeladen. Hierzu haben die Veranstalter mit der Schauspielerin Dorotheé Reize «schräge» biblische Texte ausgesucht, die man an einer Sonntagspredigt gewöhnlich nicht hört.