Dieser Mann entschärft das Aufreger-Thema «Glockenlärm»

Der Kunsthistoriker Matthias Walter hat herausgefunden, wie schwingende Glocken so dosiert werden können, dass sie schöner und zugleich leiser tönen. Bereits wurden mehrere Kirchen aufgrund Walters Überlegungen umgerüstet. Die Entdeckung könnte Kirchgemeinden und lärmgeplagte Anwohner miteinander versöhnen.

Glockensachverständiger Matthias Walter rät Kirchgemeinden, nicht jede Verringerung des Glockenschlags als Symptom sinkender Bedeutung der Kirche zu interpretieren. (Bild: RP/dem)

Herr Walter, die Kirchgemeinde Köniz hat in einer Mitteilung nichts weniger als eine «neu- und einzigartige Lösung» für das Glockenproblem angekündigt. Neu soll das Geläut der Thomaskirche Liebefeld «tönen statt stören». Können lärmgeplagte Anwohner tatsächlich aufatmen?
Zunächst eine wichtige Unterscheidung: Es ist der nächtliche Stundenschlag, der viele Menschen am Glockengeläut ärgert. Dabei bleiben die Glocken unbewegt und werden von einem Hammer angeschlagen. Das andere ist das schwingende Läuten am Sonntag oder vor Gottesdiensten. Die Neuerung betrifft letzteres und ist beachtlich: Mit relativ geringem Aufwand kann das Glockensystem so umgestellt werden, dass die Glocken leiser und sympathischer klingen.

 

Sympathischer?
Ja. Heutzutage, wo das Glockenläuten nicht mehr dieselbe Notwendigkeit hat wie früher, ist es umso wichtiger, dass der Glockenklang allgemein Gefallen auslöst und mit den Menschen kommuniziert. Die Glocken sollen die Menschen erfreuen und nicht mit Gekläffe nerven und abschrecken.

 

Was viele aber tun.
Das ist so, aber die Glocken selbst trifft dabei keine Schuld. Vielmehr sind die technischen Umstände dafür verantwortlich. Und genau hier setzt die Neuerung an.

 

«Die gellenden, schreienden Obertöne verschwinden. Das haben sogar Glockengegner anerkannt.»

 

Was heisst das konkret?
Vereinfacht gesagt werden zwei Änderungen vorgenommen. Erstens wird der Tragbalken, an dem die Glocke hängt, mit Obergewichten beschwert. Das bewirkt, dass die Glocke etwas langsamer schwingt und der Klöppel die hochgeschwungene Glocke am unteren und nicht am oberen Rand anschlägt. Man spricht von einem Fallklöppel. Zweitens wird der Zapfen am Klöppelende, also das Stück unterhalb der Anschlagskugel, vollständig entfernt. Das bewirkt, dass durch die optimalere  Massenverteilung der Glockenkörper homogener verformt wird als bisher.

 

Mit welchen Auswirkungen?
Zum einen nimmt die Lautstärke ab, zum anderen verschwinden die gellenden, schreienden Obertöne. Das bestätigen auch Frequenzanalysen des Geläuts im Vorzustand im Vergleich mit dem neuen Zustand. Selbst Glockengegner haben diese Veränderung anerkannt. Weiter nimmt die allgemeine Beanspruchung ab. Ein leiserer Klang ist oft auch das Ergebnis einer geringeren mechanischen Belastung.

 

Die Idee zu dieser Neuentwicklung stammt von Ihnen. Wie kamen Sie darauf?
Seit zwanzig Jahren reise ich in ganz Europa umher, um Glocken zu sichten und zu hören. Vor einigen Jahren war ich mit gleichgesinnten Kollegen in Südfrankreich und Belgien unterwegs. Dort stiessen wir auf Glocken, die in vereinzelten Läuteperioden aussergewöhnlich zart klangen. Zuerst dachten wir, dass es einfach qualitativ besonders wertvolle Glocken sind. Erst später realisierte ich, dass auch diese mit Obergewichten ausgestattet waren und fallende Klöppel enthalten, die bei Kennern bisher eigentlich als verpönt galten. Es waren aber wohl eher statische Überlegungen der Grund, warum diese früher verwendet wurden, als der Schutz der Nachbarn vor Lärm.

 

Was folgte auf diese Beobachtung?
Das, was ich in Südfrankreich und Belgien hörte, war oft nur im Ansatz gut. Ich war aber überzeugt, dass in diesem System Potenzial steckt, man mit der Verlangsamung den Klang besser dosieren kann. Dann ergab sich die Gelegenheit, in Zusammenarbeit mit einer bekannten Glockenfirma zu forschen: 2010 wurde diskutiert, die Glocken der Pauluskirche in Bern leiser läuten zu lassen. Aus denkmalschützerischen Überlegungen war klar, dass die offene Glockenstube nicht eingehaust werden kann. Somit blieb nur noch die Möglichkeit, das Läutesystem so zu verändern, dass die Lautstärke reduziert wird. Und so begannen die Glockenfirma und ich im Auftrag der Kirchgemeinde mit Tests. Dafür verwendeten wir eine kleine Versuchsglocke und sahen unsere Vermutungen rasch bestätigt. Die Glockenfirma berechnete das neue System und setzte es in der Kirche Kehrsatz erstmals um. Mit Erfolg.

 

Sie sprachen von Einhausungen. Was meinen Sie damit?
Dieser Vorgang bezeichnet die Verbauung offener Kirchturm-Glockenstuben mit Holzläden oder Plexiglas. Die Methode funktioniert zur simplen Lautstärkeverminderung, ist allerdings oftmals aufwendig und greift in die Architektur ein. Ein weiterer Nachteil ist, dass dem Glockenklang meist seine Unmittelbarkeit entzogen wird.

 

«Stellt sich einer aus dekorativen Gründen eine Glocke in den Garten, interessiert mich das nicht sonderlich.»

 

Was Kirchgemeinden interessieren dürfte: Welche Variante kostet mehr? Einhausung oder die Umstellung auf Obergewichte und Fallklöppel?
Das hängt stark von den Umständen vor Ort ab. Generell: Je mehr die Glocken sichtbar sind, desto eher empfiehlt sich die Umstellung auf den Fallklöppel – preislich wie auch denkmalpflegerisch. Aber auch geschlossene Betonglockenstuben aus der Nachkriegszeit bewirken ein Gedröhn, dem mit dem Fallklöppelsystem abzuhelfen wäre. Um einen sympathischeren Klang zu erhalten und die lästigen Obertöne zu eliminieren, benötigt es in der Regel andere Klöppel.

 

Das Glockengeläut sorgt immer wieder für rote Köpfe. Was raten Sie als Glockenliebhaber Kirchgemeinden im Dialog mit lärmgeplagten Anwohnern?
Es bieten sich überraschend zahlreiche Möglichkeiten von Kompromissen an, die gemeinsam mit Fachfirmen und Glockenexperten diskutiert werden sollten. Liebhaber und Kritiker des Stundenschlags müssen sich nicht unversöhnlich gegenüberstehen. So können die Glocken nachts nur noch stündlich schlagen, oder es wird die Lautstärke reduziert. Das funktioniert auch mit dem Stundenschlag. Und selbst eine komplette Nachtschlagsperre würde die Glockenkultur nicht gänzlich zerstören, auch wenn ich diese Lösung bedauern würde. Wichtig ist sicherlich, dass die Kirchgemeinden auf die Menschen zugehen und nicht jede Verringerung des Glockenschlags als Symptom sinkender Bedeutung interpretieren. Interessant ist vielleicht in diesem Zusammenhang noch dies: Wurde der Souverän zum Verbleib des nächtlichen Stundenschlags befragt, hat er sich immer für ihn ausgesprochen.

 

Woher stammt eigentlich Ihre Leidenschaft für Glocken?
Ich erinnere mich, dass ich bereits als Kind ein starkes Sensorium für Umweltgeräusche hatte. Und so kam es, dass ich eine Faszination für die unterschiedlichen Glocken und ihre Klänge entwickelte. Meine Begeisterung reicht aber weit über die Glocke hinaus: Kirchenbau, Turm und Glocke bilden für mich eine Einheit und sind immer Ausdruck einer regionalen Kultur und ihrer Zeit. Darum interessiert es mich auch nicht sonderlich, wenn jemand aus dekorativen Gründen eine Kirchenglocke in den Garten stellt.

 

Welche Glocke in der Schweiz muss man einmal im Leben gehört haben?
Wenn ich mich festlegen muss, dann die grosse Glocke des Berner Münsters.

 

Warum?
Sie ist ein 400 Jahre alter Koloss, wiegt zehn Tonnen und hat eine beeindruckende Tiefe im Ton. Und genau deshalb wurde diese luxuriöse Grossglocke auch angeschafft: Sie begeisterte mit ihrem Klang die Menschen bereits vor Jahrhunderten.

 

Welche Glocke ist ein Ärgernis?
Es gibt bessere und mindere, aber eigentlich keine hässlich klingenden Glocken. Jede Glocke, die mit guter Technik ausgestattet wird, bringt einen annehmbaren Klang hervor. Vielmehr wurde dem Aspekt des Klangerzeugers bisher zu wenig Beachtung beigemessen. Es ist wie beim Musizieren: Spielt ein Anfänger eine Stradivari, klingt auch diese nicht schön.

 

Matthias Walter (*1978) ist Kunsthistoriker und arbeitet bei der Denkmalpflege des Kantons Bern. In Heidelberg und Regensburg liess er sich zum Glockensachverständigen ausbilden. Er zählt in der Schweiz zu den profundesten Kennern von Kirchenglocken.