«Die Zukunft des Christentums ist die Vielfalt»

Mehr als hundert christliche Gemeinschaften mit Migrationshintergrund gibt es mittlerweile im Kanton Zürich. Einen erstmaligen Überblick darüber bietet ein Prospekt des Zürcher Instituts für Interreligiösen Dialog (ZIID). Der Fachleiter Christentum am ZIID, Samuel Behloul, spricht im Interview über die Chancen und Stolpersteine der neuen Vielfalt.

«Das Christentum in Zürich war noch nie so vielfältig, klangvoll und bunt wie jetzt»: Der Fachleiter Christentum am ZIID, Samuel Behloul (Bild: zvg)

Herr Behloul, erlebt das Christentum im Kanton Zürich soeben seine Blütezeit?
Es erlebt sicher die dynamischste Zeit. Kirchenhistorisch war das Christentum in Zürich noch nie so vielfältig, klangvoll und bunt wie jetzt. Von einer Blütezeit würde ich aber erst reden, wenn die einheimischen Kirchen einen aufrichtigen Dialog mit den Migranten starten. Wenn sie sich auf die fremden Christen einlassen, sich für sie interessieren, sich mit ihnen austauschen. Ebenso sollten auch die zugewanderten Kirchen offen sein für diesen Dialog.

Fehlt dieser Dialog denn aktuell?
Er findet nur vereinzelt statt. Die meisten Projekte fokussieren bloss auf das Multikulturelle. Man erlebt dies als Bereicherung, geniesst die Kulinarik, lauscht den fremden Gesängen. Das hat eher Eventcharakter. Wenn jedoch Gespräche stattfinden, sind beide Seiten oft irritiert.

Warum?
Christliche Gemeinschaften mit Migrationshintergrund sind etwa bei moralischen Fragen wie Homosexualität, Abtreibungen oder der Stellung der Frau in der Kirche noch sehr ablehnend. Auch die demokratischen Strukturen der Schweizer Kirchen finden sie irritierend, die Bürokratie schade dem christlichen Geist, sagen sie. Zudem haben sie ein anderes Verständnis bezüglich des Verhältnisses von Religion, Gesellschaft und Politik. Da müssen alle noch viel voneinander lernen.

Wie definieren die Migrationskirchen ihre Religion?
Bei vielen Migranten gehört Religion in die Öffentlichkeit. Sie sind stolz auf ihr Christsein. Die Bibel ist für sie der Anker ihres Lebens. Darauf richten sie sich aus. Bei uns ist Religion Privatsache.

Wie könnten beide Seiten profitieren?
Die Zukunft des Christentums ist die Vielfalt. Mit dieser Vielfalt zurechtzukommen, ist die grosse Herausforderung. Und hier braucht es unbedingt einen Dialog. Dafür gibt es aber nicht nur ein einziges Rezept. Denn jede Gemeinschaft ist anders, jedes ihrer Mitglieder hat eine andere Migrationsbiografie samt eigener Traumata.

Helfen die Zürcher Migrationskirchen den Menschen bei der Integration?
Sie leisten viel Integrationsarbeit, etwa mit Angeboten für Jugendliche, die ihren Platz in der Gesellschaft noch nicht gefunden haben. Es gibt Unterstützungen für Sans Papiers oder Arbeitslose. Man spendet Trost und hat eine stabilisierende Funktion, indem man den Menschen hilft, sich in der Schweiz zurechtzufinden. Für viele bedeuten die Gottesdienste aber auch einfach spirituelle Nestwärme. Sie sind ein Stück Herkunftskultur.

Welche neuen Impulse setzen die Migrationskirchen?
Sie sind unglaublich lebendig, die Stimmung ist viel besser als in den Landeskirchen! Wie viel sie mit wenig Mitteln auf die Beine stellen, ist beeindruckend. Sie haben nie Mühe, Freiwillige zu finden und sind schnell in der Organisation. Bei den Landeskirchen hat man zwar viel Geld und moderne Infrastruktur, aber immer weniger Engagierte.

Sind diese neuen Kirchen aufgeschlossen oder eher abschottend?
Das ist je nach Gemeinschaft unterschiedlich. Die katholischen sind Teil der Landeskirche, sie zahlen Kirchensteuern und sind besser eingebunden in die Strukturen. Auch bei den Migrationskirchen mit protestantischem Hintergrund ist es relativ einfach, den Kontakt zu finden, da sie oft in den Weltsprachen ihre Gottesdienste halten, auf Englisch, Französisch oder Spanisch. Einzig die Orthodoxen suchen noch ihren Platz.

Die Reformierten Landeskirchen klagen über Mitgliederschwund. Warum können Sie nicht von der Migration profitieren?
Zunächst ist die Mehrheit der Migranten in der Schweiz katholisch, rund 40 Prozent. Und jene mit protestantischem Hintergrund gehen eher zu den Freikirchen als zu den Landeskirchen. Sie schliessen sich lieber privat einer Gemeinschaft an. Nicht zuletzt auch deshalb, weil Freikirchen missionarisch sehr aktiv sind.

Um auf die Situation im Kanton Zürich zurückzukommen, wie sollte die Reformierte Kirche reagieren?
Sie geht schon jetzt schon auf die Migranten zu. Die Zürcher Kirche ist grundsätzlich offen, sie stellt Räumlichkeiten zur Verfügung und unterstützt Projekte. Vielleicht sollte die Landeskirche vermehrt neue Medien nutzen, um diese Menschen anzusprechen, vor allem die Jugendlichen. Und bei ihren Mitarbeitern interkulturelle Fähigkeiten fördern, um Berührungsängste abzubauen.

Welche der Gemeinschaften fasziniert Sie persönlich am meisten?
Was mich besonders beeindruckt, ist der Zusammenhalt unter den eritreischen Christen. Diese Menschen haben auf ihrer Flucht Traumatisierendes erlebt. Die Hingabe zum Glauben hilft ihnen, darüber hinweg zu kommen.