Die Trauer aussitzen

Bei Beerdigungen sind den Angehörigen die vordersten Sitzreihen vorbehalten. Nicht so in Elm: Dort nimmt die Trauerfamilie hinten in der Kirche Platz. Eine Ausgrenzung? Auf Spurensuche im Glarnerland.

Das «Trauerstuhl»-Schild über der dritthintersten Bank in der reformierten Kirche Elm. (Bilder: Raphael Kummer)

Zwei Holzbänke in der reformierten Kirche Elm, einer Gemeinde weit hinten im Glarner Sernftal. Kaum etwas unterscheidet sie von den anderen Kirchenbänken. Nur ein Schild an der Wand weist darauf hin, dass diese hier besonders sind. «Trauerstuhl» steht darauf, in weisser Frakturschrift auf schwarzem Grund. Das fällt auf, denn an der weissen Wand hängt ausser Kerzenleuchtern sonst nichts. Die Bänke, die für die Trauernden reserviert sind, stehen nicht etwa ganz vorne in der Kirche, sondern unter der Empore. Sie bilden die dritthinterste Reihe, links und rechts vom Mittelgang.

Kirchenpräsidentin Anni Schneider ist in Elm aufgewachsen und kann sich noch gut erinnern, dass «da hinten» immer «die schwarz Angezogenen» waren. «An der Beerdigung meiner Grosseltern sassen wir auch da», erzählt sie. Die Trauerfamilie habe sich beim Kirchbesuch während des folgenden Jahres immer in den Trauerstuhl gesetzt. Ihre Mutter habe als junges Mädchen im Trauerjahr zudem die Haare mit schwarzen Schleifen zusammenbinden und schwarze Kleider tragen müssen, habe nicht singen, geschweige denn lachen dürfen. Ein «schweres Jahr» sei das gewesen.

Schutz für die Trauernden?

Vorne Platz genommen hat Anni Schneider erst vor 25 Jahren, als ihr Vater gestorben ist. «Wir wollten nicht mehr zuhinterst sitzen. Es ist ja auch dunkel dort.» Seither sitze die Trauerfamilie bei Beerdigungen in der Regel vorne. Erst letzte Woche hätten Angehörige am Sonntag nach der Bestattung dann aber wieder in der Trauerbank Platz genommen.

Wie lange die «Trauerstuhl»-Schilder schon an der Wand hängen, weiss Schneider nicht, die seit 22 Jahren im Kirchenrat ist. Auch nicht, warum die Bänke so weit hinten stehen. «Vielleicht wollte man die Trauernden nicht ausstellen», vermutet sie. Allenfalls stehe im Archiv der Kirchgemeinde etwas geschrieben darüber, aber das sei mittlerweile im Landesarchiv in Glarus eingelagert.

«Rechts die Männer, links die Frauen»

Eine Anfrage dort bleibt ohne Ergebnis, und auch Eckhard Raster, der fast 25 Jahre Pfarrer in Elm war, weiss nichts darüber. Was dem Touristen ins Auge sticht, scheint dem Einheimischen längst normal. So auch Kaspar Rhyner. Der ehemalige Glarner Regierungs- und Ständerat kann über die Herkunft der Schilder auch nichts sagen, ihm sei aber zu verdanken, dass die Tafeln bei der Kirchenrenovation von 1970 nicht entfernt worden seien.

 

  • Blick in die Kirche von Elm, erbaut 1403 .

 

Man müsse «nicht mit allem abfahren», was von früher sei, meint der 83-jährige Elmer auf die Frage, was sie ihm denn bedeuten. Und zur Position der Bänke vermutet auch er: «Man muss die Trauer ja nicht zur Schau stellen». Der Brauch, ein Jahr zu trauern, komme von den Walsern, weiss Rhyner. Man sei in dieser Zeit «an keinen Anlass, auf keinen Tanz, an kein Konzert» gegangen», und in der Kirche in den Trauerstuhl gesessen, «rechts die Männer, links die Frauen».

Nichttrauernde im Trauerstuhl

Die Elmer seien eben ein bisschen konservativ. Er verweist auf den «Ummäsäger», der noch bis vor zwanzig Jahren die Nachricht eines Todesfalls persönlich in die Haushalte überbrachte und auf die Leichenzüge mit Ross und Wagen, die es heute noch gebe. Und Kaspar Rhyner gesteht abschliessend, dass er sich beim Kirchbesuch immer in den Trauerstuhl setze, auch wenn er nicht in Trauer sei. «Aus Prinzip», meint er.