«Die Schweizer Reformierten waren Pioniere»

Reformierte Auswanderer aus der Schweiz haben ab dem 16. Jahrhundert grossen kulturellen und religiösen Einfluss in Europa und den USA gehabt. Sie seien gar für ein amerikanisches Schimpfwort verantwortlich, sagt der deutsche Volkskundler Helmut Seebach.

Die Schweizer Reformierten brachten das Sauerkraut in die USA. Hier beim Stampfen des Kohls. (Bild: zVg)

Herr Seebach, Sie haben über die Einflüsse der Schweizer reformierten Auswanderer auf die Kultur Europas geforscht. Was hat Sie dabei am meisten überrascht?
Die Schweizer Reformierten waren Pioniere. Sie hatten beispielsweise grossen Einfluss auf die Landwirtschaft hier in der Pfalz, wo ich herkomme, aber auch in nordeuropäischen Ländern wie Dänemark oder Schweden. Sie haben die Wiesenwässerung eingeführt, das Halten der Tiere im Stall. Dadurch konnte man das erste Mal die Äcker mit Mist düngen, was sich natürlich positiv auf den Ertrag der Äcker auswirkte. Ausserdem führten die Schweizer neue Kleesorten und die Kartoffel ein. Vornehmlich die Mennoniten waren Agrarpioniere.

 

Auch auf die Mode sollen die ausgewanderten Schweizer Einfluss gehabt haben.
Ja, die Reformierten Schweizer waren darauf bedacht, möglichst einfache Kleidung zu tragen. Sie zogen Kleider aus Leinen an, die am einfachsten zu weben sind. Ihre Kleidung brachte ihren Glauben zum Ausdruck. Die einfachen, aber gepflegten Leinenkleider sollten die innere Reinheit widerspiegeln. Sie prägten so das modische Erscheinungsbild.

 

Warum wanderten überhaupt viele Reformierte im 16. und 17. Jahrhundert aus der Schweiz aus?
Dafür gab es mehrere Gründe. Es gab eine kleine Eiszeit in den Alpen. Das Getreide wurde nicht mehr reif. Eine Hungersnot folgte. Also zog man auf der Suche nach Nahrung weiter. Einige Protestanten flohen auch vor Unterdrückung.

 

Wieviele sind schätzungsweise ausgewandert?
In der Pfalz sind 30’000 Einwanderungsvorgänge registriert. Dies geht aus Eintragungen bei Trauungen oder Beerdigungen hervor. Nicht alle Schweizer blieben aber in der Pfalz, sondern viele zogen weiter. Einige von ihnen bis nach London. Dort lebten sie verarmt in einer Zeltstadt. Schätzungsweise 3’000 gelangten nach Irland und von dort weiter nach Pennsylvania.

 

Finden sich noch heute Spuren der Schweizer Reformierten in Pennsylvania?
Nun, heute leben dort Mennoniten und die Amish. Auch andere Gruppierungen wetteifern darum, wer am gläubigsten ist. Bei meinen Nachforschungen stiess ich auf eine lustige Geschichte. Sie kennen sicher das amerikanische Schimpfwort «Krauts» für die Deutschen, das insbesondere auch während des Zweiten Weltkriegs verwendet wurde. Mit «Kraut» ist Sauerkraut gemeint, das die Schweizer Einwanderer in Pennsylvania bekannt gemacht haben. Das Fermentieren von Kohl kannte man dort nicht. Nun haben die britischen Einwanderer fälschlicherweise gemeint, dass diese ursprünglichen Schweizer Deutsche seien. Und verpasste ihnen den Spitznamen «Krauts».

 

Welche Quellen haben Sie bei Ihren Nachforschungen konsultiert?
Ich habe die Volkskundeliteratur in verschiedenen Ländern wie Dänemark oder Schweden studiert, habe Museen in Holland besucht und dabei immer geschaut, ob ich identische Kulturprofile sowie Spuren wie religiöse Symbole finde. Es gibt Felszeichnungen in den Alpen oder Einschnitzungen in Dreschtennen von Bauernhäusern, deren Symbole eindeutig darauf schliessen lassen, dass sie sich auf Bibelstellen beziehen.

 

Was sind das für Zeichen?
Lilie, Tulpe, Taube, Raute beispielsweise, sie finden sich eingeschnitzt in Fachwerkhäusern und werden in der pietistischen Literatur beschrieben. Diese Zeichen finden sich von Deutschland bis nach Skandinavien. Das kann kein statistischer Zufall sein. Man wollte zeigen: Das ist ein christlich geprägtes Haus. Man stellte Haus und Hof unter eine spirituelle Schutzhülle mithilfe dieser volksmagischen Zeichen.

 

Was schliessen Sie aus Ihren Nachforschungen?
Dass man den Einfluss der Schweizer Reformierten bis jetzt unterschätzt hat. Wir feiern ja dieses Jahr das Reformationsjubiläum. Dabei wird der Fokus immer nur auf die wittenbergische Reformation gelegt. Ich will zeigen, dass es gerade aus volkskundlerischer Sicht noch viele andere interessante Einflüsse gab.

Buchhinweise:

Schweiz – Pfalz – Pennsylvania. Ursprung und Werden von Pfalz und Pfälzern – eine kulturwissenschaftliche Grundlegung

Die geheime Bildersprache des Pietismus. Christliches Leben zwischen Reformation und Inquisition Fels- und Ritzzeichnungen – Volkskunst – Hausbau – Tracht

Die Schweizer Reformation – eine transnationale Kulturströmung. Traditionswanderungen Alpen – Skandinavien
Zur Neuorientierung der europäischen Ethnologie

Alle drei Editionen der Trilogie sind im Bachstelz-Verlag Helmut Seebach, Mainz, erschienen.