Die Reformation und die «patriarchale Dividende»

In einem neuen Buch zur Rolle der Frauen in der Reformation zeigt der Historiker Helmut Puff, dass die Reformation Teil einer «Patriarchalisierung» war und den Frauen – und auch vielen Männern – wenig Befreiendes gebracht hat.

Helmut Puff: «Frauen – insbesondere unverheiratete, alte Frauen – eigneten sich zu Sündenböcken, gerade wenn sie keiner männlichen Aufsicht unterstanden.»
Helmut Puff: «Die patriarchale Aufrüstung ist eine wesentliche Komponente nach 1500.» (Bild: zvg)

Sie nennen die Zeit der Reformation eine Patriarchalisierung. Warum?
Helmut Puff: Kein Zeitalter lässt sich auf eine einzige Formel bringen. Das gilt auch für die Reformation. Sie ist eine Epoche, die wie kaum eine andere eine Flut von Veränderungen mit sich brachte. Die patriarchale Aufrüstung ist aber eine wesentliche Komponente des epochalen Wandels nach 1500. Dabei geht es um den Versuch, alle Kontrollinstanzen und -institutionen aufeinander abzustimmen und einer wohlgeordneten, frommen, biederen und im Glauben vereinten Gesellschaft zum Durchbruch zu verhelfen.

 

In Wahrheit keine Befreiung, sondern eine Uniformierung?
Teilweise sicher. Manchmal kann ich mich des Eindrucks nicht erwehren, als wären die Reformatoren vor den Folgen ihrer Erkenntnisse zurückgeschreckt. Das Priestertum aller Gläubigen etwa ist ein Begriff Luthers, der das Potential jedes Christen beschreibt, zum wahren Glauben zu gelangen. Der Akzent wurde allerdings zunehmend auf den richtigen Glauben verschoben, wie ihn Theologen, Experten und Machteliten definierten. Die Möglichkeit, den wahren Glauben nicht über die Doktrinen der Glaubensgemeinschaft, sondern als eigenen oder persönlichen Glauben zu definieren, ging dabei jedoch nie ganz verloren – die Entstehung immer neuer protestantischer Bewegungen zeugt davon.

 

Reformation wird aber gemeinhin als Befreiung verstanden. Für die Frauen war es das offenbar nicht.
Die Reformatoren sahen sich als Verkünder evangelischer Wahrheiten. Sie wollten einer Gesellschaft zum Durchbruch verhelfen, in der ihre Erkenntnisse die Grundlage christlichen Zusammenlebens lieferten. Dazu mussten sie bestehende Strukturen verändern und neue schaffen. Vielfältige Mechanismen sollten die Umgestaltung garantieren: Unterweisung der Gläubigen in Schulen, Predigt und durch Erlasse sowie die Beaufsichtigung derjenigen, die selbst Aufsichtsfunktionen wahrnahmen. So entstand eine Disziplinierungsgesellschaft und keine Gesellschaft, die jedermann religiöse Freiheit sicherte, auch und gerade für Frauen nicht. Die sicher richtige Wahrnehmung der Reformatoren der zweiten und dritten Generation, dass ihre Bemühungen wenig gefruchtet hatten, erhöhte die Bereitschaft, die Schrauben fester anzuziehen.    

Mit der Reformation wurde die Ehe verbindlicher für alle Erwachsenen. Warum war das für die Frauen ein Nachteil?
Folgt man Luther und anderen Reformatoren, so sind Ehemann und Ehefrau vor Gott gleich. Das heisst aber keineswegs, dass sie auf Erden gleiche Rechte haben oder vergleichbare Aufgaben übernehmen. Die protestantische Ehelehre läuft auf den Gehorsam der Frau hinaus; der Ehemann sollte alle Familienmitglieder anleiten und damit im Kleinen ein Vorbild für gute Herrschaft sein. Zugleich wurden Alternativen weiblichen Lebens ausserhalb der Ehe abgeschafft.

 

Konkret?
Frauenklöster wurden zum Beispiel geschlossen. Der Druck, eine Ehe einzugehen, nahm für Männer und Frauen zu. Denn alle Menschen wurden, das ist das Neue, als sexuelle Wesen begriffen; man konnte sich nicht aus freiem Willen für ein keusches Leben entscheiden. Und Sex wurde nur in der Ehe als legitim erachtet. Sexualität wurde in diesem Zusammenhang weniger als menschliches Potential begriffen, sondern als eine Bürde, welche die Erbsünde jedem Menschen auferlegt hatte.

 

Wurde der Mann mit der Reformation nicht auch gebändigt? Schliesslich war nun tugendhaftes Verhalten von ihm gefragt.
Genau. Patriarchale Sozialformen bedeuten nicht die Herrschaft aller Männer über alle Frauen. Vielmehr kontrollieren im Patriarchat einige wenige Männer viele Männer und fast alle Frauen. Das, was man patriarchale Dividende genannt hat – das Einstreichen von geschlechtsbedingten Machtvorteilen –, war für viele Männer im 16. Jahrhundert gering. Wer nicht den Eliten angehörte, wurde in erster Linie beaufsichtigt. Man könnte sogar gerade umgekehrt argumentieren. An die «Herren der Schöpfung» wurden besonders hohe Anforderungen gestellt, was männliches Wohlverhalten anging.

 

Wäre das Ausbleiben der Reformation für die Frauen besser gewesen?
«Was wäre, wenn …» ist eine Frage, die Historikerinnen und Historiker gern unbeantwortet lassen. Diese Frage öffnet aber den Blick darauf, dass die Patriarchalisierung nicht allein ein Effekt reformatorischer Bewegungen gewesen ist.

 

Inwiefern?
Die Ausbildung der Staatsgewalt und die Zunahme sozialer Kontrolle entsprangen Impulsen auch jenseits der Religion. Die wohlgeordnete Gesellschaft war ein Ideal, dessen Verwirklichung viele Menschen – unterschiedlichster sozialer Herkunft – herbeisehnten. Insofern ist wahrscheinlich, dass auch wenn die Reformation ausgeblieben wäre, patriarchale Kräfte das Leben der Frauen nachhaltig verändert hätten.

 

Hat die Reformation die Emanzipation der Frauen nicht doch insgesamt gefördert?
Nein. Jedenfalls wissen wir davon wenig. Das ist nicht nur eine Frage der Überlieferung. Es gab sicher einzelne Frauengestalten, die das emanzipatorische Potential reformatorischen Denkens nutzten. Argula von Grumbach und Katharina Schütz-Zell haben Glaubenswahrheiten eigenständig formuliert.

 

Von einzelnen auf alle Frauen zu schliessen, wäre aber ein Trugschluss?
Richtig. Bezeichnend ist, dass solche Frauengestalten vor allem aus der Frühphase der Reformation bekannt sind. Aus späteren Generationen sind nur wenige Reformatorinnen bekannt. Es gibt dagegen viele Hinweise, dass Frauen die ihnen zustehenden Handlungsräume nutzten und sich mit ihrem Los erfinderisch auseinandersetzten.  

 

Hatten es die Frauen unter katholischer Herrschaft besser?
Nein. Die Entwicklung zu einer Disziplinargesellschaft war konfessionsübergreifend. Typisch etwa ist, dass die Klausur in den Frauenklöstern im Zuge der katholischen Reform des 16. Jahrhunderts verschärft wurde; durch solche Massnahmen wurde die Unabhängigkeit religiöser Frauengemeinschaften beschnitten; die Aufsicht über Frauen durch den Klerus wurde auch hier verschärft. Die Konkurrenz zwischen den Konfessionen zwang zur Abschottung, und dieser Wettstreit beförderte die Disziplinargesellschaft.

 

Im 16. Jahrhundert hat auch die Angst vor den Frauen gelauert, sichtbar zum Beispiel an den Hexenverfolgungen.
Frauen – insbesondere unverheiratete, alte Frauen – eigneten sich zu Sündenböcken, gerade wenn sie keiner männlichen Aufsicht unterstanden. In diesem Sinn sind die Hexenverfolgungen Ausfluss der Patriarchalisierung. Frauen wurden zum Objekt kollektiver Fantasien. Allerdings sind nicht nur Frauen auf diese Weise verfolgt worden. Es gab Regionen in Europa, in denen vor allem Männer wegen angeblicher Umtriebe mit dem Teufel verurteilt wurden.  

 

Sind die Hexenprozesse eher ein protestantisches Phänomen?
Protestantische wie katholische Gemeinwesen sind von den Hexenverfolgungen betroffen gewesen. Unterschiede spiegeln vor allem lokale gesellschaftliche Faktoren wider – etwa städtische oder ländliche Herrschaftsstrukturen.  


 

Buchhinweis:

«Hör nicht auf zu singen». Zeuginnen der Schweizer Reformation. Herausgegeben von Sabine Scheuter und Rebecca Giselbrecht. Mit Beiträgen von Karla Apperloo-Boersma, Urte Bejick, Christine Christ-von Wedel, Rebecca Giselbrecht, Isabelle Graesslé, Susan Karant-Nunn, Elsie McKee, Helmut Puff, Sabine Scheuter und Kirsi Stjerna. TVZ-Verlag. 264 Seiten, ISBN 978-3-290-17850-5. Erscheint im November 2016.

 

Matthias Böhni/ref.ch
Dieser Artikel stammt aus der Online-Kooperation von «reformiert.», «Interkantonaler Kirchenbote» und «ref.ch».