Manchmal ertappe ich mich dabei, dass ich die Menschen durch die andere Brille anschaue, die Brille des Mammon. Manchmal gehe ich auf die Menschen zu und überlege mir, wieviel Geld sie wohl in der Tasche haben und wie sich das wohl locker machen lässt. Dann erschrecke ich über mich selber. Ich bin nicht nur Pfarrerin, sondern auch Fundraiserin, und seit der Kirchenbund beschlossen hat, aus der Finanzierung der Schweizer Auslandkirchen auszusteigen, hat sich mein Profil noch einmal mehr in diese Richtung bewegt.
Das Berufsbild PfarrerIn wird sich auch in der Schweiz in diese Richtung bewegen, wo das nicht schon der Fall ist.
Was bedeutet das eigentlich für unseren Beruf?
Um eines gleich am Anfang klarzustellen: ich bin nicht grundsätzlich dagegen, dass PfarrerInnen Geldmittel für das Weiterbestehen ihrer Gemeinde beschaffen. Dies hier wird also kein Lamento, das sich zur Rechtfertigung der Staatskirche benutzen lässt. Der Grund, warum ich dem Fundraising nicht ganz abgeneigt bin, liegt daran, dass mir die Aufgabe eigentlich noch liegt. Ich bin eine Netzwerkerin und Kommunikatorin und London bietet sich für kreatives und innovatives Kirchengestalten ja regelrecht an. Und da sind wir schon mal bei Punkt eins und zwei:
1. PfarrerInnen sind so unterschiedlich wie Sand am Meer. Es gibt die Verwalter ebenso wie die Kommunikatorinnen, die Liturginnen ebenso wie die Schriftgelehrten, und noch viele mehr. Das Netzwerken und Geld beschaffen ist nicht jedem gegeben und muss es auch nicht, denn die Kirche lebt von der Vielfalt ihrer Amtsleute. Wenn wir alle nur noch Netzwerkerinnen und Kommunikatoren wären, wer würde denn nächtelang Bibel-Kommentare wälzen, sich in die Details der Kirchenverwaltung vertiefen, stundenlang zuhörend am Krankenbett sitzen?
2. Nicht jede Kirchgemeinde lebt von einem dynamischen und innovativen Gemeindeleben. Manche Gemeinden sind eben gerade wegen ihrem gemächlichen Festhalten an Traditionen verlässige Stützpfeiler der Gemeinde. Im Stiftungswesen hat sich aber in den letzten Jahren der Trend festgesetzt, dass kaum mehr Grundkosten finanziert werden, sondern nur noch projektorientiert Geld vergeben wird. Das heisst für Gemeinden: Projektarbeit, Benchmarking, Erfolgskritierien. Für die feinen Zwischentöne, das Unvorhergesehene und die feine Beziehungsarbeit, oder zusammengefasst: für die ‚unsichtbare‘ Reich-Gottes-Arbeit bleibt immer weniger Platz.
Es ist wichtig, dass die unterschiedlichen Pfarr- und Gemeindeprofile auch weiterhin einen festen Platz in unserer Kirchenlandschaft haben. Mir persönlich entsprechen ja liturgisch traditionell aber theologisch liberal gestaltete Gottesdienste am meisten. Ich fände es sehr bedauernswert, wenn alle Kirchen nur noch darauf ausgerichtet wären, möglichst ‚hip‘ und ‚fresh expression‘ zu sein.
So, und jetzt die Vorteile, welche Sie hier finden: Blog «The Swiss Vicar in London»